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Vision und Schrecken der Moderne – Industrie und künstlerischer Aufbruch: 200 Jahre Kapitalismus-Kritik

Wäre Friedrich Engels 1820 nicht im heutigen Wuppertaler Stadtteil Barmen geboren worden, die 1929 geformte Stadt wäre dennoch ein idealer Austragungsort für eine Ausstellung zu den Folgen der Industrialisierung auf die Kunst. Die Fahrt mit der 1901 eröffneten Schwebebahn ermöglicht sowohl den Blick auf heutige Industriebrachen, vorbei am Stammsitz des global agierenden Beyer-Konzerns, umringt von zahlreichen Kirchtürmen, als wäre die Stadt auch als Beleg für die Thesen Max Webers errichtet worden. Barmen und Elberfeld, die Hauptsiedlungen der heutigen Kommune, waren hochbedeutende Zentren der frühen Fabrikproduktion im heutigen Deutschland, geprägt von Armut und calvinistisch inspiriertem Fleiß, noch bevor das Ruhrgebiet Weltgeltung erlangte.

Nach dem Gesamtkonzept von Antje Birthälmer, unterstützt von Beate Eickhoff und Anna Storm, entstand eine Schau, deren Exponate bis weit ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Zumeist bestückt aus eigenen Beständen, entfaltet sich ein klassisch angelegter chronologischer Parcours, der auch den Reichtum der Museumsbestände dokumentiert. Dennoch stammt ein Schlüsselwerk der Ausstellung aus einer Leihgabe des Düsseldorfer Museum Kunstpalast: "Die schlesischen Weber" von Carl Wilhelm Hübner aus dem Jahr 1844. Die Zeit des wirtschaftlichen Aufbruchs in der rheinisch-bergischen Region war auch schon die Zeit eines kritischen Blicks auf die Existenz-gefährdenden Auswirkungen des frühen kontinentalen Industrie-Kapitalismus. Nicht zuletzt die Textilindustrie bildet bis heute einen Gradmesser für die Struktur von Arbeitsbedingungen weltweit, von Mexiko bis Bangladesh.

Stehen Hübners Weber, die notwendigerweise an Gerhart Hauptmanns Drama von 1892 erinnern, für den Konflikt zwischen Handwerk und maschineller Produktion, so repräsentiert der Hammerschmied von Constantin Émile Meunier von 1906 im Eingangsraum den souverän wirkenden, kraftvollen Arbeiter nach dem Entwurf des späten 19. Jahrhunderts einen Gegenentwurf, huldvoll umringt von den Konterfeis der biedermeierlichen, örtlichen Bourgeoisie des Wuppertals.

Die schon im Ausstellungstitel angelegte Ambivalenz des Themas wird nicht nur im ersten Saal, sondern auch in den folgenden sieben Räumen durchgehalten, unter Verzicht auf allzu stark illustrierende oder theatralische Effekte. Ein zurückhaltender kuratorischer Modus, der auf Zusammenhänge und letztendliche Wirkung des Einzelobjekts setzt, begleitet von einem informativen Katalog und 17 akustischen Bilderläuterungen, die über die Webseite des Museums abrufbar sind.

Diese Räume widmen sich thematisch der Industrielandschaft, der sozialen Misere, den Dichotomien der Zeit nach dem 1. Weltkrieg und dem ungeheuer spannenden Kapitel der Kölner Progressiven, die teils im Dialog mit Otto Neurath in Wien die zeichenhafte Darstellung der Wirklichkeit in neuem Gewand in Angriff nahmen. Dies umspannt nicht nur die originellen und charakteristischen Bilderzählungen von Gerd Arntz und Franz Wilhelm Seiwert, sondern auch eine Trouvaille, wie die Kleinplastik des "Gefesselten Arbeiters" von Hans Schmitz, den die Mitarbeiterin Anika Pütz im Depot entdeckte.

Es folgen Räume für Fotografie und Gegenwartskunst, mit Albert Renger-Patzsch, Bernd und Hilla Becher bis hin zum Wuppertaler Tobias Zielony, wo bei letzteren schon die post-industrielle Zeit anklingt. Auch hier wird nichts beschönigt, aber die Bilder, die Zielony für seine Serie "Maskirovka" 2017 in Kiew fertigte, beschwören die irrationale Qualität der industriell illuminierten Gegenwart, nicht weniger als Conrad Felixmüller oder Carl Grossberg.

Der mit Engels verbundene kritische Impetus wird im letzten Raum zur Kunst der Gegenwart noch einmal klar konturiert durch die Bildfolgen Andreas Siekmanns, in denen der fragwürdige Umgang mit Emissionsrechten zur Isotype-gerechten Bildfolge gebracht wird. Man mag sich dann am Ende der Tour noch des weinenden Proletariers von Wilhelm Kleinenbroich von 1845 erinnern und fragen, welchen Fortschritt 200 Jahre Kapitalismus-Kritik bislang gebracht haben, die Maike Freess in der beeindruckenden Allegorie "Amok", monumental und doch poetisch, 2010 formulierte.

Vision und Schrecken der Moderne – Industrie und künstlerischer Aufbruch
11.03 - 11.07.2021

Von der Heydt-Museum
42103 Wuppertal, Turmhof 8
Tel: +49 202 563 6231, Fax: +49 202 563 8091
Email: von-der-heydt-museum@stadt.wuppertal.de
https://www.von-der-heydt-museum.de
Öffnungszeiten: Di-Fr 11-18, Do 1-20, Sa, So 11-18 h


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