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Hans Staudacher 1923 - 2021

Am 14. Jänner hat Hans Staudacher noch seinen 97. Geburtstag gefeiert. In der Nacht auf heute ist der in Kärnten geborene Maler verstorben.
Wir haben zu seinem 90. Geburtstag den folgenden Text von Margareta Sandhofer veröffentlicht. Seine immer drei Wangenküsse, die unsäglich stinkende Virginia und sein Schmäh wird uns fehlen.

Automatisch gute Bilder

Autodidakt und bald nach Kriegsende in Paris mit den Tendenzen des Tachismus und dem Werk Georges Mathieus in Berührung gekommen, ging Hans Staudacher unbeirrt von Akademismus oder temporären populären Strömungen in der Kunstszene seinen eigenen Weg, unnachgiebig und konsequent. Sein Oeuvre ist beachtlich. Seit den fünfziger Jahren kehrte er jeder bildlichen Gegenständlichkeit radikal den Rücken, malte zunächst aus Kostengründen auf Sackleinen, doch schon im großen Format und zeigte bereits damals die autonome künstlerische Position, die er bis ins hohe Alter verfolgt. Staudacher schafft Farbräume (was bei ihm auch bedeuten kann, den textilen Malgrund der Leinwand sichtbar zu lassen) und setzt darauf grafische Strukturen, Gekritzeltes und Gespritztes; und Schrift, mehr oder weniger entzifferbar. Diese Ebenen durchdringen sich, sodass sie nicht eindeutig voneinander unterschieden werden können. Die Bewegung der abstrakten Geste, das Momentane der Farbspritzer sind in ihrer Spontaneität als aufleuchtende Erscheinung sinnlicher Flüchtigkeit erlebbar, deren man nicht habhaft werden kann, während sich die Schrift bisweilen in ihrer Direktheit ins Gedächtnis einprägt. Ein zwiespältiges, doch dialektisches Spannungsverhältnis entsteht im Bild. Das eine wurzelt in der vor allem von den Surrealisten kultivierten Verfahrensweise der Écriture automatique, dem unmittelbaren und daher authentischen Festhalten einer intuitiven Eingebung, das andere funktioniert wie ein Code. Dieser mag dechiffrierbar, als Text lesbar sein, gilt aber dennoch als fragmentarischer Assoziationsfetzen, der Staudacher zu diesem Zeitpunkt gegenwärtig war. Er ist im seltensten Fall eine Widmung, nie ein Apell, hat keinen aggressiven oder politischen Anspruch. Die Worte sind wie die abstrakten Pinselzüge Spuren eines Flusses, der sich mit Vehemenz oder mit lyrischer Leichtigkeit von der alleinigen Instanz, dem Impuls, dem sich der Künstler überlässt, über den Pinsel auf die Fläche überträgt. Bisweilen ist der bruchstückhafte Text ein willentlich gesetztes Finale um diesen vereinnahmenden Fluss abzuschließen - die widersprüchliche Situation von unwillkürlicher Willkür; genauso paradox wie Staudachers eigentliches Vorgehen, das als konstruktive Dekonstruktion der Bildfläche fassbar ist: „Das Bild“ absentiert sich gewissermaßen, es bleibt als Schauplatz für ein Spannungsfeld affektiver Gesten. Es spielt sich ein Ereignis ab, vibrierend, pulsierend, schwingend oder schwebend. Ein zu schöner Rhythmus wird durchbrochen mit energischen Akzenten, mit farbiger Irritation oder herber Markanz des Strichs. Die vordergründig chaotisch wirkende Logik folgt jener Notwendigkeit, die von der Dynamik der spontanen Geste oktroyiert ist. Es ist nicht das Prinzip des Zufalls, sondern das des nicht Vorhergesehenen, das entscheidet; und das in einer komplexen autonomen Totalität resultiert. Als solche behauptet Staudachers Werk seine Souveränität: Die immanente Subjektivität ist nicht nur essentielle Substanz, sie ist unverhohlen und in einem solchen Maß manifest, dass sie der betrachtenden Subjektivität gelassen freien Raum zur Imagination lassen kann. Und die auffallende Kontinuität im Oeuvre ist kein Formalismus und auch kein Stil, sie ist eine Haltung, und das von unbeugsamer Konsequenz.

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Abbildung: Hans Staudacher in seinem Atelier, 2014, Foto: Sammlung Essl

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