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Handlanger und Cliffhanger

Das Bild ist gekippt, seine Linien stürzen. Das Foto ist vermutlich von dem gegenüberliegenden Abschnitt des Balkons aufgenommen. Die Schrägen bezeugen die bildnerische Improvisation, aber auch einen erfahrenen Blick. Neben der Dokumentation liefern sie eine ästhetische Botschaft. Denn die Diagonalen steigern den Affekt. Sie dramatisieren den Bildausschnitt, ob sanft aufsteigend wie das Gesims oder stark fallend wie die Säulenordnung darunter: Das Bild provoziert Betroffenheit und Emotion. Interessant ist, dass das Auge trotz dieser Störungen bemüht ist, die wankende Perspektive der Orthogonalen richtigzustellen, gewissermaßen die Ordnung in einem visuellen Tumult wiederherzustellen, – so als wollte man ein sinkendes Schiff geraderichten, indem man den Kopf neigt. Das menschliche Auge ist ein Organ der Rationalität.

Der Zahnschnitt ist klassizistisch präzise. Nur mit einem Arm klammert sich der Mann an das Gesims. Die elfenbeinerne Farbe der Brüstung bildet einen Gegensatz zu seiner schwarzen Schutzkleidung. Er trägt einen Helm, Handschuhe, Schal und einen Rucksack, alles in Schwarz, dazu noch helle Lederschuhe, die ihm das Klettern erleichtern, aber für die tiefen Temperaturen dieses Tages, dem 6. Januar 2021, zu leicht wirken.

Oben warten Komplizen. Eine geduckte Person ist in dem Zwickel knapp unter dem Bildrand zu erkennen, ein weißer Handschuh zeichnet sich ab, der droht oder deutet. Die andere Hand hält eine GoPro-Kamera. Daneben sind die sandfarbenen Hosenbeine einer weiteren Person zu erkennen und eine Flagge, die an der Brüstung lehnt. Unter den zahlreichen Flaggen, die vor dem Kapitol in Washington im beißenden Winterwind wehen, findet sich häufig dieser Typ mit weißem Adler auf blauem Grund und dem Slogan “T13”: die Forderung nach einer neuerlichen Inauguration Donald Trumps nach 13 Tagen. Eine dieser Flaggen wird sogar auf dem Dach des Kapitols gehisst.

Win McNamee, der Pressefotograf von Reuters und Getty Images, ist im Inneren des Gebäudes. Durch sein Bild werden wir Zeugen, wie der Eindringling im Begriff ist, sich jeden Moment auf den Boden des Senatssaals fallen zu lassen. Die Szene ist schockierend. Sie wirkt wie aus einem Thriller- oder Spionagefilm nachgestellt. Wäre das Ereignis nicht real und bitter, man wäre an den Komiker Harold Lloyd erinnert, der in einem Stummfilm der 1920er Jahre unbeholfen am Zeiger der Uhr eines Hochhauses baumelt. Doch die Dramaturgie des Blicks von McNamee, der sein Können auf das Studium vieler Bildquellen zurückführt, dürfte eher von Sylvester Stallone inspiriert sein, der in der Hauptrolle des Filmes »Cliffhanger« (1993) von einem Felsen hängt. Der Film heißt zu deutsch »Nur die Starken überleben«. Nicht selten tritt Stallone in seinen Filmen als Milizionär oder schwerbewaffneter Veteran auf, der in Selbstjustiz Rache übt. Stallones Filmografie deutet auf eine rechte Gesinnung. Darum finden sich unter den marodierenden Anhänger*innen auch Flaggen, die Trump in der Pose von »Rambo« zeigen. Allerdings lehnt der Bürger Stallone 2016 ein Angebot ab, als Kulturbeauftragter der Trump-Regierung zu arbeiten. Ein wenig wirkt der Eindringling in die Kammer des Senats aber auch, als wäre er aus einer der zahlreichen Wanddarstellungen herausgeschält worden, die sich in dem Gebäude befinden, eine Art toxische Allegorie, die plötzlich aus ihrer Darstellung heraustritt und als maligner Geist Menschen und ihre gesetzgebenden Repräsentant*innen in Schrecken versetzt.

Tatsächlich befindet sich ein Relief über dem Türsturz. Das Weiß des Marmors ist verschattet. Bei genauem Blick lässt sich das Motiv dennoch ausmachen. Das Bildnis stellt einen Mann dar, der in antikischer Manier halbnackt am Boden sitzt, während er ein Schwert erhebt. Die Allegorie wirkt auf den ersten Blick bellizistisch. Doch der Ölzweig, das Zeichen der Friedfertigkeit, den er in der Linken hält, und die Pflugschare, auf die er sich stützt, – ebenfalls ein Zeichen der Völkerverständigung nach einem alttestamentlichen Prophetenwort – sind von dem Einbrecher in diesem Foto verdeckt. Indes scheint die linke Hand des Kletterers auf einen Adler zu zeigen, der ähnlich hart und markig geschnitzt, vor dem Sitzenden voranschreitet, begleitet von drei Sternen.

Der Adler verweist auf Macht und Stärke. Das Schwert – eigentlich diagonal im Bildschmuck, auf dem Foto durch seine Drehung senkrecht – zerteilt das Wort »PATRIOT-ISM«. Die Teilung nach »Patriot« wird aus ästhetischen und kompositionellen Gründen erfolgt sein, liest sich jedoch in diesem Kontext wie ein verdrängtes Unbewusstes, ein innerer Widerspruch, der unter dem salbungsvollen Motto als verkappte Anarchie brodelt. Denn plötzlich liegt das Wort »PATRIOT« frei und darüber hinaus sein zweiter Teil »RIOT«, – eigentlich ein Gegensatz, der sich momenthaft aufhebt, so als könnten vermeintliche Heimatliebe und kriegerischer Krawall eine Verbindung eingehen.

Das Relief aus Marmor stammt von Lee Oscar Lawrie (1877-1963). Der Bildhauer ist aus Neukölln gebürtig, emigriert noch als Kind 1882 in die Vereinigten Staaten. Im Saal des Senats befinden sich noch weitere Allegorien von dem Bildhauer, sie betiteln sich »Courage« und »Wisdom«. Alle stammen aus dem Jahr 1950. Die Ära von Joseph McCarthy beginnt. Der republikanische Senator führt von diesem Raum aus einen harten Kampf gegen Andersdenkende. Er spaltet die USA mit Verunglimpfungen und rechter Paranoia, ähnlich wie der noch im Amt befindliche Präsident Donald Trump, der die Randale durch Twittermeldungen und erratische Reden anstiftet.

Die Reliefs sind stilistisch dem Art déco zuzuordnen, einer Kunstrichtung, die während der Nachkriegszeit bereits als überholt gilt, jedoch auf Lawries künstlerisch produktive Schaffensphase zwischen den Kriegen verweist. Lawries bekanntestes Werk ist die Statue eines »Atlas« vor dem Rockefeller Center in New York. Sie wird 1937 errichtet. Die monumentale Figur in der Fifth Avenue ist ein beliebtes touristisches Motiv. Ein nackter Mann und gigantischer schwarzer Riese stemmt die Kreisbahnen des Firmaments in die Höhe. Der kraftstrotzende Atlas ist die Umkehrung des realen Eindringlings, nicht nur wegen der verschiedenen Bewegungsrichtungen von Tragen und Springen, Stützen und Stürzen, auch weil der griechische Held von den Göttern zum Fortbestand der Welt verurteilt ist, während der lebende Kletterer – noch unbescholten – einen wirklichen Umsturz provoziert.

Wie der Schwerttragende so teilt auch der Eindringling auf dem Foto eine Inschrift. Sie befindet sich über dem Relief in den Stein des Architravs gemeißelt. ANNUIT COEPTIS steht dort zu lesen, 13 Buchstaben, die Vergil entlehnt sind. Das Motto, das einer der Wahlsprüche der USA ist, ziert die Rückseite des amerikanischen Siegels und auch die Ein-Dollar-Note. Auf der Banknote ist eine Pyramide mit 13 Stufen zu sehen, das Auge Gottes erscheint an ihrer Spitze. Die numerische Verbindung bleibt den Trump-Anhängern, die für verschwörerische Verbindungen anfällig sind, verborgen. Zudem steht das Auge für Licht, Besonnenheit und Vernunft. In dem Siegel wird es zum Organ der Rationalität. Der vollständige Vers aus der »Aeneis« wird mit “Mächtiger Jupiter sei dem kühnen Beginnen gewogen” übersetzt. Das Motto bezieht sich auf die Grundsätze der Verfassung und nicht auf den Gewaltstreich, mit dem der Kletterer und seine Handlanger einen Putsch und eine antidemokratische Präzedenz provozieren.

 

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Abbildungen:
- House of Senate, 6. Januar 2021, Quelle: Win Mcnamee, Getty Images
- Sylvester Stallone als Gabe Walker in »Cliffhanger«, (dt. Nur die Starken überleben«), 1993, Filmposter
- Oscar Lee Lawrie: »Patriotism«, 83,8 x 174 cm, Marmor, 1950, Kapitol, Saal des Senats, Washington, D.C. (www.senate.gov/artandhistory/art/artifact/Sculpture_25_00009.htm)

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