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Friends and Friends of Friends: Re-visions by Friends

Publikumsnah möchte Alfred Weidinger sein zukünftiges Ausstellungsprogramm an allen Standorten der OÖ Landes-Kultur GmbH zu gestalten wissen. Deshalb befragt er auch das Publikum mithilfe laufender Umfragen nach seinen Präferenzen. Folglich finden derzeit parallel drei sehenswerte Shows mit zeitgenössischer Fotografie und neuen Medien im FC Francisco Carolinum (früher Landesgalerie) statt und im Schlossmuseum steht eine für diese Institution atypische Show „Friends and Friends of Friends – Künstlergemeinschaften im Zeitalter der sozialen Medien“ im Fokus. Sie widmet sich der Malerei, Objekten und Skulptur einer sonst via Internetplattformen wie Instagram global agierenden jungen und kreativen Community, vor allem aus dem amerikanisch-englischen Raum. (1)

Es gilt heute nicht als außergewöhnlich, wenn in einer Galerie- oder Museumsausstellung plötzlich künstlerische Positionen auftauchen, welche die jeweilige KuratorIn nicht in der tradierten Kunstszene, sondern auf Instagram gerade entdeckt hat. Auch in der Wiener Kunstszene waren zuletzt bei curated by solche Fundstücke bereits zu bemerken. Anstatt sich in Ateliers oder Cafés zwecks Austausches zu treffen, bleiben heute viele Kreative lediglich online in Kontakt und nützen erfolgreich virtuelle Plattformen zur schnellen Verbreitung und Popularitätssteigerung ihrer künstlerischen Produktionen. Dadurch mehren sich Ketten von Friends of Friends mit tausenden Followern und dann wird eine/n von ihnen mit dem Status eines „Instagram-Stars der Kunstwelt“ versehen und so wie jetzt in Linz eingeladen, eine Ausstellung im Museum zu kuratieren. Natürlich mit den Friends.

Der Londoner Künstler Oli Epp (*1994) ist solch ein berühmter Star auf Instagram. Er gilt als Erfinder der Post-Digital Pop Art, einer Mischung aus digitalen und realen Bildwelten, wobei er sich dennoch bewusst ist, dass um sich langfristig als Künstler*in zu etablieren, man unbedingt auch reale Galerien und Museen mit ihren interpretativen Prozeduren und Infrastruktur braucht. Die Linzer Ausstellung wird diesen Anforderungen gerecht, indem sie die 19 künstlerischen Positionen in erweiterte kulturell-politische Kontexte der Gegenwart wie z.B. „Black Lives Matter“ oder die Folgen der Covid-19-Pandemie einbindet und somit hervorhebt. Epp schuf einen prägnant-grotesken und extrem flächig-figurativen Malstil in Anlehnung an Warhol-artige Pop Art. Sein humorvolles Bild Quarantine wirbt für die Show und er hat auch zusammen mit der Kuratorin Andrea Amalife die Künstler*Innen ausgewählt, die sich mit diversen Techniken des Digitalen auseinandersetzen und üblicherweise zuerst ihre Sujets auf dem iPad entwerfen.

Einer davon ist der Afroamerikaner Devan Shimoyama, der sensuelle, mit der Aura der Neonfarbe umfassten (Auto)-Porträts in Großformat produziert. Seine Helden sind queere schwarze Männer in Amerika, mit glänzendem Schmuck als in seine Bilder integrierte ready mades. Geisterhaft und äußerst entfremdet! Angespannt wirken ebenso die Bilder von Harrison Pearces (*1986), welche die Wahrnehmung von Korrespondenzen zwischen konzeptuellen, ästhetischen und technologischen online Logiken in Bezug auf Biomechanik der Körper schärfen. Interventionskritisch setzt sich Jebila Okongwu (*1975) mit westlichen Vorurteilen über die afrikanische Diaspora auseinander und spielt dabei auf die Folgen des Kolonialismus an. Auf unterhaltsame Art werden die Routen des Bananenexports mit den historischen Wegen des Sklav*innenhandels in Verbindung gebracht, indem der Künstler in seinen collagierten Arbeiten die großen Bananenkisten aufs Neue zusammensetzt, so dass sie an tropische Paradiese wie auch an afrikanische Waxprints als begehrte Exportartikel erinnern. In seiner filligran-fragilen Banana Sculpture „schmückt“ der aus Nigeria stammende Okongwu dagegen gekrümmte exotische Früchte symbolisch pechschwarz.

Unter den aus verschiedenen Generationen stammenden Künstler*innen ist auch ein Prophet des Post-Digitalen präsent. Es ist Peter Schuyff (*1958), der schillernde Vertreter des New Yorker Neo-Geo der 80er Jahre – dessen mehrschichtige Rasterbilder mit RGB-ähnelnden Farbverläufen quasi digitale Räume noch vor der Erfindung des Internets abbilden. Sie vermitteln die „pulsierende, psychedelische“ (PT) Stimmung, die damals im Studio 54 und nicht nur dort waltete. Erstaunlich gut.

Es ist kein Zufall, dass man gerade während der Pandemie im Linzer Museum die Bühne solchen Künstler*innen überlässt, deren Art zu denken und zu kommunizieren von sozialen Medien geprägt ist. Schließlich sollen heute und in der Zukunft auch die Kunstinstitutionen, wie Oli Epp im Interview erwähnt, „grüner arbeiten“ d.h. alle sollen ihre Alltagshorizonte verschieben zwecks Gleichgewicht. Und andererseits bleibt offensichtlich, dass visuelle Codes aus sozialen Medien und deren Sehgewohnheiten das unmittelbare Betrachten eines Originals samt seinen haptischen Qualitäten zwar bereichern aber (noch) nicht ersetzen können.

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(1) Bereits in seiner Direktion am Museum der bildenden Künste Leipzig initiierte Alfred Weidinger eine Ausstellung über Kunst auf Instagram: --> Hier die artmagazine Kritik zu "Link in Bio"

Mehr Texte von Goschka Gawlik

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Friends and Friends of Friends
30.09.2020 - 06.01.2021

Schlossmuseum Linz
4020 Linz, Schlossberg 1
Tel: +43-732 77 20-52502
Email: info@ooelkg.at
http://www.ooekultur.at
Öffnungszeiten: Di-So, Fei 10-18 h


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