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Meister und wie sie vom Himmel fallen

Soso, die Albertina hat also nicht mitgemacht bei der langen Nacht der Museen. Da waren zur Dürer-Eröffnung alle möglichen Mutmaßungen angestellt worden, welches Blatt welcher böse Bube in der langen Nacht der Langfinger würde mitgehen lassen. Und jetzt das. Die Albertina hat es nicht nötig, mit dem Kleingeld der Trampelpfadfinder zu rechnen. Wer Dürer gibt, hält wegen Reichtum geschlossen. "Albrecht Dürer" nennt sich sprechenderweise die Veranstaltung. Der Name ein Prädikat, ohne Untertitel, ohne systematisierenden Hinweis, sogar ohne Lebensdaten. Ein etwaiges Jubiläum ist weit weg. Das einzige das zählt, ist die Zahl der Besucher. Wie man mit ihnen umgeht, zeigen beispielhaft die "betenden Hände". Zum unbenommen Seriösen der Ausstellung gehört es, einige der Blätter, die ursprünglich das doppelte Format hatten und nach 1800 auseinandergeschnitten worden waren, per Rahmung und Passepartout in die alte Fasson zu bringen. Auch die notorischen "betenden Hände" entstammen einem solchen Zusammenhang. Ihnen vis-à-vis hatte Dürer einst einen Apostelkopf skizziert, und dieses himmelnde Antlitz wird auch gezeigt. Dass ausgerechnet bei dieser Konstellation auf die temporäre Wiederherstellung verzichtet wurde, gehört dann zum eher Unseriösen der Ausstellung. Die Ikone bleibt Ikone. Was sollen die Besucher denken! Wie so vieles andere nicht nur von Dürer ist das Weltspektakel der "betenden Hände" Ergebnis eines Zuträgerdienstes. Es ist eine Studie und arbeitete dem Heller-Altar zu, der für die Frankfurter Dominikanerkirche bestimmt war. Und gerade der Heller-Altar liefert Anschauungsunterricht für eine spezielle Dimension Dürers, die die Schau vollkommen gering achtet. Seine Beschwerde, dass er eigenhändig an den heiligen Geschichten pinseln müsste, wo er doch "uf den heitigen Tat 1000 fl. reicher" wäre, hätte er seine Grafik zu Markte tragen können, ist einer der Gassenhauer einer Soziologie der Kunst. Dürer der Unternehmer konnte sich Dürer den Maler nicht leisten, denn Dürer der Ökonom beschäftigte "Austräger", die die Messen und Märkte mit seinen Druckerzeugnissen belieferten. Die Berühmtheit seiner Blätter, ihre Präsenz und buchstäbliche, vor keinem Devotionalienhandel Halt machende Gegenwärtigkeit ist Ergebnis eines wirtschaftlichen Kalküls. Bei allem Können ist Dürer vor allem auch geschickter Selbstvermarkter. Die Albertina läßt all das beiseite und lieber die Konstruktionen einer Kunstgeschichte, wie sie das 19. Jahrhundert liebte, Revue passieren. Ganz unbeschwert und voraussetzungslos schwelgt der Meister in seiner Meisterschaft. Manche Meister fallen doch vom Himmel. Ungestört von aller nörgelnden Hinweisgeste aufs womöglich Historische oder gar Gesellschaftliche sollen die Besucher einem, der mehr kann als sie, auf die Finger blicken. Ungestört, wenn es die schiere, ins Auge gefaßte Anzahl von ihnen zuließe. Spätestens hier platzt das reine Vakuum, das die Albertina um Dürer legt. Statt luftleerer Raum Gedränge. Wenn nicht nachts dann eben am Vormittag.

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