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Hamburgische Dramaturgie

In Hamburg, so heißt es, liebt man die Farben, solange sie nur dunkelblau sind. Dass die dortige Kunsthalle vor allem durch ihren Bestand an Caspar David Friedrich berühmt ist, ihr Anbau vom Quadrate-Maniac Oswald Matthias Ungers stammt und Hanne Darboven das Aushängeschild der ortsansässigen Künstlerschaft ausmacht, passt ins Bild. Die Backsteinkultur mit ihrer Observanz des rechten Winkels, ihrer buchstäblichen Linientreue und der Feingliedrigkeit des immer Gleichen ist übermächtig, und auch wer sich ins Gegenwärtige verschlagen läßt, muss durch sie hindurch. Namentlich die beiden Deichtorhallen, 1991 als Ausstellungsort inauguriert, prangen im Protestantismus der in höchste Ordnung gefügten Klinker. Zwölf Jahre lang war Zdenek Felix der Direktor der Deichtorhallen. Er ist Tscheche, und er ließ sich das Katholische, Joviale, Lustprinzipische immer gern ansehen. Felix ist ein Schulterklopfer, und wenn man Anstoß nahm an seinem stets sehr aufs Trendige versessenen Programm, so kam er mit seinem Standard-Spruch, der Dementi und höhere Bestätigung in einem war: "Ist gar nicht so neu. Habe ich gemacht schon vor fünfzehn Jahren." Tatsächlich hatte er, damals noch am Essener Folkwang-Museum, 1984 die legendäre "Wahrheit ist Arbeit"-Schau der heiligen Dreifaltigkeit Kippenberger-Oehlen-Büttner ins Werk gesetzt, und er hatte anschließend dem Münchner Kunstverein zum Status eines "Must" verholfen. Die 10.000 Besucher, die das Haus 1990 mit Anselm Kiefer verbuchte, bekommt ein Gegenwartsinstitut gemeinhin nur, wenn es die Japaner mitzählt, die zu Klimt abtauchen. Seit dieser Woche ist Robert Fleck der Nachfolger. Er wird auf andere Art nicht nach Hamburg passen als Felix, und womöglich wird es ihn auch nicht weiter stören. Dem Klischee der Großbürgerlichkeit entspricht er noch weniger, doch ist in Fleck dafür das Intellektuelle gewissermaßen in Reinkultur vorgeführt. Immer sieht er ein wenig linkisch aus, geduckt, fehl am Platz, doch so pur die Geistigkeit des Körperlosen schien, war er gern auch in Positionen - als der, zusammen mit Cathrin Pichler erste Staatskurator oder als Leiter einer Kunstschule in Nantes -, in denen er Macherqualitäten beweisen musste. Fleck wird es nicht mehr so spielerisch haben wir Felix, der mit "Post Human" 1993 oder der wunderbaren Jason Rhoades-Installation 1999 Spektakuläres für sich verbuchen konnte. Eine der beiden Hallen soll allein, ausgerechnet in Zeiten, wo sogar die notorisch verspäteten Akademien ihre dämliche Konzentration auf die künstlerischen Gattungen aufgeben, der Fotografie dienen, die andere sich auch kommerziell rentieren. Wie Robert Fleck nach dem Blau-Schwarzen Coup in Österreich bewies, kann er bis zur Hysterie für oder gegen eine Sache eintreten. Etwas Obsession wird er auch in Hamburg brauchen könnnen.

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