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Dan Graham: Der Jahrzehntekünstler

Vor zehn Jahren habe ich meine Dissertation über Dan Graham geschrieben. Er war ein dankbares Objekt, denn in all seiner Konzeptualität, Intellektualität und gedankenvollen Humorlosigkeit ließ sich Graham wunderbar in einer Geschichte der letzten Dekaden verorten. Die Sechziger, das war die Zeit der Observanz, der strengen Notationen und der Kontextbeflissenheit. Einen Reflex davon zeigt die aktuelle Schau in der Galerie Meyer Kainer in Gestalt der Fotografien von Vorstadtsituationen und All American Way - Heimeligkeit. Die Siebziger, das waren die Jahre gesteigerter Präsenz in den Spiegelkabinetten seiner Installationen, während die Achtziger eine Rückkehr zu historischen Konstellationen, zu Bezugsfeldern und Bedeutungsebenen sahen, zur typischen hybriden Form einer orthodoxen Postmoderne. Die Galerie Meyer Kainer hat einen von Grahams Pavillons aufgestellt, entworfen 1989, aber eben jetzt realisiert, in der die Prinzipien der Quarantäne, aber auch der Revision einer funktionalistischen Moderne Revue passieren. Kontext, Präsenz, Semantik: Damit waren ganz generelle Charakteristika einer Epoche umschrieben, die nicht mehr in Ismen, sondern in Jahrzehnten weiterging, und Graham war eine exemplarische Gestalt dabei. Was meinen Fluss der Überlegungen seinerzeit zum Stocken brachte, war aber die Frage nach der konkreten Aktualität. Was sollte, das war nun das Problem, Grahams Oeuvre der Neunziger auszeichnen? Ich blieb die Antwort schuldig. Heute weiß ich, dass Graham immer noch beispielhaft den Dekadengeist verkörpert, und dieser Geist kleidet sich für den Moment in die Popularversion des postmodernen Anything Goes. Eine solche Version ist bekannt als Sampling. In diesem Sinn aktualisiert Graham, wonach gerade eine Nachfrage besteht, pflanzt sein 1966er "Schema" auf eine Zeitungsseite, wärmt die Perfomances der Siebziger auf oder baut stracks einen Pavillon. Was geht, wird exerziert. Bei Meyer Kainer gibt es entsprechend krudes grafisches Material, seltsame Serviettenskizzen, als gelte es, einen genialen Einfall zu inszenieren, oder Planzeichnungen für den Aufbau seiner skulpturalen Architekturen, die eindeutig etwas für die Handwerker sind. Früher hätte er das nie und nimmer gezeigt. Graham frönt wie jeder pubertäre Plattenaufleger dem Sampling. Damit ist er sich, was die Dekadenlogik angeht, treu geblieben. Damit ist er sich, was die schiere Gedankenlosigkeit angeht, untreu geworden. Das habe ich jetzt begriffen. Und noch etwas: Wir leben in keinem künstlerisch guten Jahrzehnt.
Dan Graham
09.09 - 31.10.2003

Galerie Meyer Kainer
1010 Wien, Eschenbachgasse 9
Tel: +43 1 585 72 77, Fax: + 43 1 585727788
Email: contact@meyerkainer.com
http://www.meyerkainer.com
Öffnungszeiten: Di-Fr 11-18, Sa 11-15h


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