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So etwas wie eine Vernissage

Bisweilen schlagen sogar Künstler über die Stränge. Die Nachwelt vergilt es ihnen dann durch üble Nachrede, wie im Falle des Giovanni Antonio Bazzi, des Renaissancemalers, dem man einen sehr einschlägigen Namen mitgab. Sei es, weil Meister Giovanni mit allerlei Getier zusammenlebte, sei es, dass sein Biograf Vasari etwas von einem unsoliden Lebenswandel kolportierte. Signor Bazzi ist jedenfalls als Sodoma in die Kunstgeschichte eingegangen. Das meinte auch damals nichts Gutes. Bisweilen schlagen sogar Künstler über die Stränge. Der Promi-Bonus kommt ihnen zugute, der Nimbus der - je nachdem - Virilität, Unersättlichkeit oder einer auf den gesamten Leib übertragenen Schöpferkraft, und manchmal helfen sie der Rolle auch etwas nach. "Der Künstler muss geil und blöd sein", gab einst AR Penck zu Protokoll. Wer konnte da widerstehen. Nun hat es Jörg Immendorff, Professor in Düssseldorf und designierter Porträtist des Kanzlers Schröder, auf die erste Seite der Bildzeitung gebracht, und auch das bedeutet nichts Gutes. Bei einer Orgie soll er ertappt worden sein, einer etwas aus der Fasson geratenen Party, die er mit diversen Prostituierten und diversen Gramm Kokain für sich zu feiern gedachte. Die Polizei platzte hinein ins Vergnügen, und seither weiß man sich eingehend zuzuraunen, dass es genug Stoff war für eine Anklage, für eine Verurteilung und, offenbar die schlimmste zu gewärtigende Aussicht, für den Verlust seines "Status als Landesbeamter" (Bildzeitung). Immendorff hatte also zuviel Kokain bei sich. Aber hatte er nicht auch zuviele Frauen bei sich? "Bestellt", so gab sich der ermittelnde Staatsanwalt der Bildzeitung gegenüber redselig, "bestellt waren elf, zwei sind nicht gekommen". Neun Damen fanden sich bei Herrn Künstler also zum Stelldichein, und anscheinend entspricht diese Quote der Vorstellung, die man sich von kreativer Potenz macht. Niemandem jedenfalls ist an der überbordenden Völlerei dieser "Bestellung" etwas aufgefallen. Nach dem, was die Bildzeitung in Erfahrung brachte, wollte Immerdorff in erster Linie schauen. Das Szenario lief, bis sowieso die Polizei kam, ohne größere direkte Beteiligung seinerseits ab. Der Maler spielte eine Art Zeremonienmeister, den Arrangeur eines Abends in perfekter Décadence, der mehr mit Sehen zu tun hatte als mit Tappen und Tasten. Der Meister als Makart, der Dekorateur als Delacroix: Jenes sexuelle Leben, das Catherine Millet, ihrerseits eine Größe im Kunstbetrieb, bestsellergestählt als so "ozeanisch" beschrieb, fand im Düsseldorfer Hotel mutmaßlich nicht statt. "Eine Party mit Künstlern", wurde den beteiligten Damen in Aussicht gestellt, "so etwas wie eine Vernissage." Vielleicht war ihnen das, was sie dann zu sehen bekamen, tatsächlich eine Eröffnung.

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