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Das deutsche Krokodil

Intellektuelle sind – wir reden jetzt vom deutschsprachigen Dunstkreis – mausetot. Wird man ihrer habhaft, ist es bei Gesprächsrunden im Fernsehen. Ansonsten verziehen sie sich auf Symposien. Engagieren, Intervenieren, Moralisieren überträgt man, und damit ist genug gesagt über deren Stoßrichtung, dem Kunstbetrieb. An die Stelle von Intellektualiät ist Biografik getreten, denn mit zunehmendem Alter ersetzt man bekanntlich Analyse durch Anekdote. Man schreibt über andere – Philpp Felsch über die Karriere des Merve-Verlags – und bevorzugt über sich selber: Karl Heinz Bohrer hat sich dieses Jahr speziell hervorgetan mit „Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie“, einer Art Entwicklungsroman, der stracks auf den Abstieg in den Altersstarrsinn zuführt.


Bohrer hat vor fünf Jahren auch ein Sub-Genre in der Gattung Autobiografik entwickelt. „Granatsplitter. Erzählung einer Jugend“ vollzieht das Coming of Age nach, das auch ein Intellektueller, der ja gern vom Himmel gefallen kommt, braucht. Es geht wild darin zu, mit Weltkrieg und Weltschmerz, einer vom Jahrgang 1932 hat da allerhand an die Geschichte zu delegieren. An die subjektive wie an die objektive.


Nun hat sich Bohrers Subgenre auf wundersame Weise wiederbelebt. Dem Autor, Jahrgang 1971, sitzt das Schicksal weit weniger im Nacken, und so ist die Lage in der Bundesrepublik, in der er aufwächst, in erster Linie normal. Natürlich kratzt man sich pubertär sein Außenseiterdasein zusammen. Auch der Autor findet es: Seine „Liebe zu Thomas Mann und Richard Wagner“ schien ihm das „eigentliche Stigma seines Lebens“. Er hört und liest Klassik, und auf ihre Weise hat sich die Wiedergeburt der allerkanonischsten Altväterlichkeit in ihm durchaus amortisiert. Heute ist der Autor Literaturchef der „Zeit“.


Dabei, und die Tatsache, dass er endlich darauf gekommen ist, liefert so etwas wie den Anlass für dieses Buch, trägt Ijoma Mangold das Außenseiterdasein durchaus am Leib. Er hat, wie er schreibt, den Familiennamen von der Mutter und den Vornamen vom Vater: „Aus irgendeinem Grund fänden es die Leute andersherum einleuchtender.“ Aus irgendeinem Grund: Mangolds Vater ist Nigerianer, er hat einen Sohn hinterlassen, als er zum Studium in Heidelberg war, um anschließend wieder, wie es stets geplant war, in sein Heimatland zu gehen und dort als Arzt womöglich nützlicher zu sein als in Mitteleuropa. Mangold wuchs vor diesem Hintergrund deutscher auf als alle Deutschen, ehrgeizig, aufstiegs- und damit bildungsbeflissen, im Tunnelblick auf seine Vaterlosigkeit. Dass er dunkle Haut und „krauses Haar“ mit sich trug, fiel durch das Raster seiner Wahrnehmung – und damit in seiner Selbstdarstellung auch durch das Raster seiner Umgebung.


Als er sich zum - schier obligatorischen - Germanistik-Studium aufmacht, meldet sich der Vater. Er hat für den Sohn eine Karriere als Stammhalter, Clan-Vorsitzenden und „Chief“ in einem nigerianischen Dorf vorgesehen. Dass da einer mit seinen Genen – Motto: „Blut ist dicker als Wasser“ - anders tickt, ist nicht vorgesehen. Mangold wird an den Äquator verfrachtet, langweilt sich zwei Monate lang zu Tode, kehrt um so deutscher nach Deutschland zurück und ward in Nigeria nie wieder gesehen. Die Internationalisierung findet fortan im Kopf statt. Doch auch hier begegnen sich subjektive und objektive Geschichte. Mangold beginnt gewahr zu werden, dass es zur deutschen Philologie auch Subaltern Studies gibt und dass längst zu Lektüre Verkörperung gehört. Wichtig wird Barack Obama. Dessen Springprozession von den USA nach Kenia und zurück absolviert sehr vergleichbare Etappen einer Karriere.


Mangolds sehr sympathisches Buch, klug, zurückhaltend, ein wenig verliebt in Attitüden von Tom Sawyer oder gleich dem Simplizissimus, liefert ein wunderbares Beispiel für eine intellektuelle Biografie, bevor die Intellektualität mit dem Autor durchgeht. Was längst ins Modische abgedriftet ist – Migrationshintergrund, ethnische Diversifizierung und vor allem die Suche nach dem Opferstatus, den derlei gestattet -, wird in Anspruch genommen: souverän in Anspruch genommen. Und es wird rückbezogen auf den Horizont dessen, der der Autor war, als er sich dieser Dinge bewusst wurde. Das zu fünfzig Prozent Afrikanische des Körpers und das zu hundertzehn Prozent Deutsche seiner Identität werden neu austariert. Genau davon erzählt die spezielle Entwicklungsgeschichte des Buches.


Irgendwann fällt das ominöse Wort. Mangold schreibt dazu: „Es ist ohnehin nicht leicht, Fälle von Rassismus klar auszumachen. Im Zweifelsfall hat der Betroffene ein feineres Gespür dafür, aber es kann nicht sein, dass die Macht, darüber zu entscheiden, ob etwas rassistisch ist, allein beim Betroffenen liegt … Eine Diskurslage, in der eine Seite bindend darüber entscheiden kann, was geltende Empirie ist, ist verkorkst.“ Man kann betroffen sein ohne Prätention auf Betroffenheit.


Ijoma Mangold, Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2017

Ihre Meinung

2 Postings in diesem Forum
Wer ...
Walter | 10.09.2017 02:55 | antworten
... welchen Namens und welchen Jahrgangs ist jetzt welches IntellektuellenKrokodil in diesem Text, Herr Metzger?
... - und warum ...
Walter | 10.09.2017 02:57 | antworten
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