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Genesis

Vor einigen Jahren gab es in Aschaffenburg eine Ausstellung mit Werken von Markus Lüpertz. Die Vernissage war zum Bersten gefüllt. Den Meister verwunderte das nicht weiter. „Wäre ja noch schöner“, meinte, er, „wenn ich die Provinz schon nicht mehr voll kriege“.


Jetzt hat Lüpertz die Provinz wieder voll gekriegt. Im ortsansässigen Monopolblatt, den Badischen Neuesten Nachrichten, reden sich die Stadt Karlsruhe und ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger aus der Seele, was sie von einem Projekt halten, das Lüpertz dem Gemeinwesen (Slogan bei der – misslungenen – Bewerbung um den Status von Europas Kulturhauptstadt 2010: „Karlsruhe: Viel vor, viel dahinter“) anersonnen hat. Es geht um die Gestaltung von sieben Stationen der sogenannten U-Strab, der ins Souterrain verlegten Straßenbahn, deren Implementierung ins Straßennetz momentan für jede Menge Lücken an der Oberfläche sorgt (Slogan dazu: „Tappsch in d'Baustell nei, musch in Karlsruh sei“).


Lüpertz packte die Siebenzahl der Stationen beim Schopf und schlug vor, die biblische Schöpfungsgeschichte in den Untergrund zu heften, aufgeteilt in Pakete zu je zwei Darstellungen pro göttlichem Schaffenstag, je eine jeweils in Fahrtrichtung: Statt schnöder Reklame würde den Wänden ein wenig Kreationismus sicherlich gut tun. Material der Bilder würde Keramik sein, denn in Karlsruhe gibt es ein renommiertes, indes seit Langem marodes Terrakotta-Unternehmen, das man in schönem Joint Venture gleich mit einem stattlichen Auftrag versorgen könnte. Ein gewisser Anton Goll war einst Geschäftsführer dieses Unternehmens – es heißt in wirklich schöner Diktion „Majolika“. Passender Weise hat Goll sich nun der Lüpertz'schen Genesis-Geschichte angenommen. Von der einen Million Euro, die die Chose kosten soll, sind aus privaten Quellen bisher deren 600.000 zusammen gekommen, auch der Rest soll ohne Öffentlichkeit lukriert werden. So ist ein für die ortsansässige Mentalität unschlagbarer Argumentationszusammenhang hergestellt. Der Stadtrat hat sich noch vor der Sommerpause, in einer alle in Erstaunen versetzenden Rasanz und einem die Dementis der Expertenschaft gering achtenden Votum von 28 gegen 17 Stimmen für das Projekt ausgesprochen.


From Genesis to Revelation: Mitten in diese Sommerpause hinein platzte nun ein Interview, das Peter Weibel der Süddeutschen Zeitung gab. Die Sache bekam überregionale Relevanz und Lüpertz eine ernst zu nehmende Replik. Weibel, neben vielem anderen auch Direktor des ZKM, das von der Stadt Karlsruhe mit ca. fünf Millionen pro Jahr alimentiert wird, nahm Anstoß am Prozedere, am Hauruckverfahren der Abstimmung und an der Umgehung aller kunstkompetenten Gremien. Weibel griff, darunter tut er es nicht, in die Vollen und erinnerte sogleich an Erdogans Pläne, die Hagia Sophia wieder zu einer Moschee zu machen.


Eigentlich ist es unvorstellbar, dass eine Großstadt, die sich für bedeutender hält als ihre Einwohnerzahl von 300.000 es akzentuiert, die sich als „Hauptstadt des Rechts“ deklariert und in ihrem wahrgenommen Werden selbstverständlich Internationalität einfordert, sich eine Kunst im öffentlichen Raum einpflanzen lässt, die ungebrochen christliche Tradition vorführt. Eigentlich ist es unvorstellbar, dass ein Gemeinwesen von 300.000 Einwohnern, das sich noch vor kurzem von der F.A.Z. als Wiedergeburt des antiken Athen besingen ließ (zu dessen Areopag natürlich Weibel gehört), derart im Mief versinkt, dass es nur ein Argument gelten lässt: Weil's halt nix koschtet.


Doch man muss es sich vorstellen. Lüpertz jedenfalls hat die Provinz wieder einmal voll gekriegt.


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Abbildung via ka-news.de: Grafik einer Karlsruher U-Bahn-Haltestelle. | Bild: Anton Goll/Art Connect

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