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Impressionen von Immersionen

Ein „Studium der Kulturwissenschaften“ absolviert zu haben, liefert seit geraumer Zeit eine besondere Einladung zur Wichtigtuerei. Die Kultur Genießenden können ihre Rechenschaftsberichte längst auf Bereiche ausweiten, die, sagen wir, leichter zugänglich sind als etwa der „Zauberberg“ oder der „Tannhäuser“. Heute tut es auch eine Performance in der Galerie, ein Kino-Besuch oder die Diskussion in der WG-Küche. Zur Not ist immer etwas kulturell Einschlägiges dabei. Andererseits wirft sich, sozusagen als Gratifikation aus der Zeit von „Zauberberg“ oder „Tannhäuser“, das Label immer noch mit dem Begriff „Wissenschaften“ in die Brust. Die Denkerei in den diversen literarischen, musikalischen oder kunstgeschichtlichen Dilettantismen galt sowieso nur im Deutschen jemals als (geistes-)wissenschaftlich. Doch bei allem sowieso und immer schon gegebenen Kosmopolitismus kommt einem diese gelinde nationale Komponente dann ganz liebreizend zupass.


Speziell auf den Punkt kommt die Wichtigtuerei, wenn sie sich, und das passiert momentan fast ausschließlich, von Berlin aus artikulieren kann. Dann gibt es, wie gerade an diesem Mittwoch im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung zu erfahren, die überhaupt nicht zufällige Begegnung von ortszentriertem Phänomen und egozentrierter Auslegung an einem Schreibtisch. Von „Immersion“ handelt der Text, um den es gehen soll. Er ist ein Stück jener Praxis, die sich für Theorie hält, wie sie die Kulturwissenschaften bevorzugt hervorbringen. Immersion also: der Effekt, hineingezogen zu werden, sich hineingezogen vorzukommen, wenn es besonders intensiv zugehen soll in der Einheit von Produktion und Rezeption, von künstlerischer Arbeit und künstlerischem Publikum.


Der Text beginnt mit Lewis Carroll. Seine Alice steigt ja hinter den Spiegel, um auf der anderen Seite der Scheibe die Welt vorzufinden, die sie davor schon gesehen hat.Von hier aus nehmen Alice' Abenteuer ihren Lauf. Carroll nimmt das Wort „Feld“ im „Sehfeld“ sozusagen wörtlich und macht es betretbar. Man könnte nun weitergehen mit Hitchcocks „Rear Window“, dem „Fenster zum Hof“, in das sein verhinderter Held James Stewart am Ende des Films fällt, nachdem er mit Gipsbein im Rollstuhl den ganzen Plot hinweg davor gesessen hatte. Oder mit Woody Allens „Purple Rose of Cairo“, wo Mia Farrow durch die Kinoleinwand steigt, um zu ihrem Zelluloid Hero zu gelangen. Könnte man.


Doch im SZ-Text wird es Berlinerisch. Da wird die Dissertation einer „Theaterwissenschaftlerin“ von der Humboldt-Universität bemüht (wie es sich anliest, ist die Diss. passender Weise noch in the making). Dann wird zur Immersion versichert, „den Begriff haben erst die Berliner Festspiele populär gemacht“. Dann kommen Beispiele vom „Tempelhofer Feld“, vom „Nationaltheater Reinickendorf“ und vom „Ost-Berliner Fernmeldeamt“. Dann sind einem die Füße eingeschlafen.


Nichts von Spielbergs „Saving Private Ryan“, dessen unerträglich lange und unerträglich intensive Eingangssequenz die Immersion ins Mainstream-Kino getragen hat (inklusive unweigerlich folgender Theoretisierung). Nichts von den Video-Installationen der Siebziger, von Dan Graham oder Bruce Nauman, die die Besucher ihrerseits Extremsituationen der Isolation, der Kontrolle, der Selbstentfremdung ausgesetzt hatten. Und nichts von den vielerlei Live-Events, die immer schon den gegenüber der Musik gehörigeren Teil der Pop-Kultur ausmachten.


Stattdessen Berliner Theatertreffen auf dem freien Feld dessen, wo man eben gerade hingegangen ist. Berliner Milieu, ungefähr so aufregend wie Heinrich Zille. And now, please, for something completely different.


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Abbildung: Dan Graham, Body Press, 1970-1972. Courtesy the artist and Marian Goodman Gallery, New York.

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