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Götterfunken 2.0

Beethoven in Hamburg



An dieser Stelle wird immer wieder über die Instrumentalisierung der Künste geschrieben. Kunstwerke zeigen sich dienlich, wenn es darum geht, von ihnen artfremden Gebrauch zu machen. Eigentlich sind es die Wirkungen, die umgeleitet und in den Dienst genommen werden. In der Musikwissenschaft gilt es als ausgemacht, dass Beethovens Musik in rein musikalischer Betrachtung nicht ausreichend erfasst wäre. Es geht um Leiden, Überwindung, Mahnung und heroischen Willen. Die Neunte Symphonie, die sich in der Fuge des letzten Satzes zu monströser Mitteilung aufschwingt, ist das bekannteste Beispiel. Kaum ein anderes Werk erfährt in solchem Ausmaß politischen Missbrauch. Von Anbeginn steht es in der Tradition der “Staatsmusik”, die mit der “Marseillaise” beginnt, sich mit Haydns Kaiserhymne fortsetzt und in Beethovens mit Metternich in Verbindung gebrachter Kantate “Der glorreiche Augenblick” verfestigt. Die Bescheidenheit des Kammermusikalischen wird vergessen. Stattdessen ist es von an erlaubt, in monumentalen Dimensionen zu träumen. Kunst ist kollektive Wallung, die Gemüter auf Gemeinschaft und politisches Unisono einstimmt. Anatoli Lunatscharski, Volkskommissär für Bildung in der Sowjetunion hatte die Neunte als Vorbild für die sozialistische Revolution betrachtet, anderen erschien Beethoven als echter Demokrat, und dem konservativen Komponisten Adolf Sandberger war sie das Werk, das “kein Versailler Vertrag zerstören konnte”. Der Höhepunkt politischer Divergenz war das Dritte Reich. Der Schauer der Symphonie war den Nazi-Bonzen unübertroffene Hochkunst. Hitler ließ den Chor zur Eröffnung des Olympiastadions von 6000 Menschen intonieren, wenig später sang der Kinderchor von Auschwitz die “Ode an die Freude” auf dem Weg zu seiner Ermordung. Daneben kam Beethoven gegen den Vietnamkrieg, bei der Gründung der DDR und nach dem Fall der Mauer zum Einsatz. Auch in der Elbphilharmonie - beim Gipfel der G20 - ist es nicht der Appell an die Verbundenheit aller Menschen, sondern das Pathos der moralisch Überlegenen, der die Zeilen Schillers nützt, um ihre Entscheidungsmacht mit ästhetischen Mitteln abzusichern. Schon Adorno witterte den Trug und die Verwechslung von Moral und sinnlich Erhabenem. Adorno hatte noch das Sensorium für das Verführerische des Optimismus, den Merkel vermissen lässt. Das Musikalische bleibt unter dem Ruf nach universeller Bruderschaft tatsächlich zweitrangig, auch wenn es animierend wirkt. Augenzeugen berichten, Donald Trump hätte in Hamburg während dem 2. Satz mit den Körper gewippt. Das repetitive, nervöse Muster des Scherzo passt zur lästigen Ungeduld, die man dem Präsidenten nachsagt. Von Putin wird keine Reaktion berichtet. Dass vor der Elbphilharmonie Brandschatzer und Plünderer wüten, gab den Regierenden im Umkehrschluss nur recht. Vielleicht waren die Randalierer sogar von den verwegenen Tönen inspiriert. Die Exzesse aus “Clockwork Orange” (1962) sind ohne Beethoven nicht möglich. In dem Film wird die Symphonie zum Antrieb der Gewalt. Die Moral erfährt eine kluge Wendung, indem sie das notorische Überlegenheitsempfinden befeuert und in Grausamkeit mündet. Es wird nicht der letzte Treppenwitz der Neunten geblieben sein. Wir halten zumindest fest. Das Treffen der G20 war ein trauriger Moment und kein Grund, an die Freunde zu appellieren, “angenehmere, freudenvollere” Töne anzustimmen: Götterfunken Zwei Punkt Null.

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