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Die andere Seite

Schöne Potatorentypen“ gab es zuhauf: „mit sich und der Welt zerfallene Unglückliche, Hypochonder, Spiritisten, tollkühne Raufbolde, Blasierte, die Aufregungen, alte Abenteurer, die Ruhe suchten, Akrobaten, politische Flüchtlinge, ja selbst im Ausland verfolgte Mörder, Falschmünzer“. So hat Alfred Kubin die Bewohnerschaft von „Perle“ geschildert, der mythischen Stadt seines mythologischen Romans „Die andere Seite“ von 1909. „Perle“ ist im Nirgendwo, ist aber mitten in München, Stadtteil Schwabing, und auch Kubin selbst, der 1898 an die Isar gekommen war und sich 1906 in die oberösterreichische Provinz verabschiedete, stellt eine der Bizarrerien dar im Treibhaus um die Türkenstraße. Speziell Kubins Grafiken mit ihren metamorphotischen Wesen und anamorphotischen Gedanken, eingebettet in eine Gegenwelt aus düsterer Einsamkeit und diffuser Getriebenheit, passen zur Paranoia der ortsansässigen Bohème. Kubin wird gern als Linzer vereinnahmt. Sein Weltbild aber bezog er aus den Spinner- und Spintisierereien jener Szene um 1900, die Franziska von Reventlow so schön auf den Begriff „Wahnmoching“ gebracht hatte.


„Die andere Seite“ ist jetzt eine der gelungensten Gruppenausstellungen seit Langem betitelt. Das Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum setzt sie in Szene. Inspiriert von Kubins Balanceakten zwischen Paranoikern und Potentaten markiert sie acht künstlerische Positionen, in denen das Alltägliche ins Alptraumhafte umschlägt. Das Verfahren ist so schlicht wie wirksam. Mit Kubin gibt es eine historische Gewährsfigur, die Referenzen herstellt zu den Vielfältigkeiten, aus denen die Gegenwart besteht. Die ziehen plötzlich an einem Strang, und der wird in dieser Inszenierung jederzeit zum Instrument einer Hinrichtung. Das Drohend-Dräuende, hier wird es vor dem Fond von Kubins Grafik Gestalt.


Thomas Feuerstein, Dorota Jurczak, Henrique Oliveira, Hans op de Beeck, Daniel Roth, Markus Schinwald, Chiharu Shiota und Stéphane Thidet stellen die unheimliche Runde. Da gibt es das narrative Konstrukt der versunkenen Zivilisation, aus der vereinzelt Relikte herausragen, und die befinden sich nun im Ausstellungsraum (Daniel Roth). Da gibt es einen Brunnen, er ist eine Holzhütte, überschüttet, überwuchert, ins Apokalyptische manövriert von nichts anderem als Wasser, das als Sintflut aus allen Ritzen dringt (Stéphan Thidet). Da gibt es wunderbare Aquarelle in alles durchdringendem Grau, malerische Tristesse, in Bewegung gesetzt als Videoprojektion, eine kinematografierte Welt im Stillstand (Hans op de Beeck). Da gibt es die überbordende Versehrtheit von Gestalten einer vergangenen Zeit, von Elefantenmenschen, verunstaltet von amorphen Gebilden, als wären es Geschwüre, und doch in ihrer Artifizialität Ausgeburten eines nachträglichen Surrealismus (Markus Schinwald).


Man steht vor diesen Konstrukten und sieht sich gefordert, sie weiter zu denken. Als Appelle an so etwas Altmodisches wie Imagination arbeiten sie im Sinne dessen, was Bilder immer schon ausmachte: Sie sind Stellvertreter. Die Wirklichkeit, für die sie stehen, findet im Kopf statt. Sie gehen an die Fantasie. Dass die Welt, an die sie gemahnen, gegensinnig verläuft, ans Widerwärtige grenzt und nichts Gutes verheißt, verbindet sie mit jener, in der sie sich präsentieren.


In der Nachfolge Kubins sind sie anti-utopisch. Doch wer weiß. Auf ihre Art tragen sie jedenfalls zum Lokalkolorit bei. Ernst Bloch, der Denker der Hoffnung, kam ja aus Ludwigshafen. Als Kind hatte er immer nach Mannheim hinüber geblickt, auf die andere Seite, dorthin, wo sich das Schloss in die Brust warf und die Noblesse. Dort wurde das Geld ausgegeben, das hier, in seiner Heimatstadt, verdient worden war. Mannheim war Bloch der Vorschein der besseren Welt. Doch Ludwigshafen hatte ihm das Klassenbewusstsein beigebracht. Wer weiß also, wo die bessere Seite zuhause ist.


 


Die andere Seite - Erzählungen des Unbewussten
Bis 13. August 2017
www.wilhelmhack.museum

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