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Kapitalströmung

Holger Kube Ventura, Direktor der Kunsthalle Tübingen, steht für die Bundestagswahl 2017 auf der Liste der „BürgerkandidatInnen“. Das sind politisch engagierte Menschen, die sich für ein Direktmandat bewerben, damit nicht alles unter den etablierten Parteien ausgemacht wird. Auf der Website der Initiative stellt sich der Kandidat vor, er bewirbt sich im Wahlkreis 290 seines momentanen Wohnsitzes Tübingen. „Welches politische Ereignis hat Sie in letzter Zeit besonders gefreut“, wird er da beispielsweise gefragt. Antwort: „der große, anhaltende Widerstand gegen CETA und TTIP“.


Holger Kube Ventura, Foto: Stephen Bordeaux 2016

Holger Kube Ventura blickt offenbar auf die ökonomische Dimension des Politischen. So ist es kein Wunder, dass die Ausstellung, mit der er sich als Direktor der Kunsthalle Tübingen vorstellt, nachdem das Haus in den letzten Jahren renoviert und erweitert worden ist, ihren Tunnelblick auf den Moloch Kapitalismus wirft. „Kapitalströmung“ heißt entsprechend die Schau. Das ist beschreibend genug, dass auch der Stichwortgeber schlechthin in diesem Metier seine Marx- und Engelszungen vernehmen lassen kann. Das Herz des Kunstbetriebs schlägt allemal links, auch wenn der Rest der Organe gern einmal in Basel aufgefrischt wird. In den Achtzigern, als das alles zwar schon reichlich vorhanden gewesen, aber noch nicht durch Mark und Bein gefahren ist, hat man seine kuratorischen Markierungen gern mit Lichtinstallationen gesetzt und so die räumliche Situation zum Thema gemacht. Heute verfolgt man die Kurven des Kapitals und reflektiert seinen Status über den Etat (Johan Holten hat letztes Jahr an der Kunsthalle Baden-Baden ähnliche Überlegungen angestellt).

Holger Kube Ventura war vorher Direktor des Kunstvereins Frankfurt. Es gibt ja das böse Wort von der Kunstvereinskunst, und „Kapitalströme“ hat diesbezüglich das Zeug zur Ausstellung des Jahres, wie sie die AICA Sektion Deutschland verleiht. Florian Haas' „Frankfurter Totentanz“, jetzt eines der großen Schaustücke, war also schon am Römerberg zu sehen, wandfüllend emsige Skelette, wie sie zwischen Banktürmen versuchen, Sand ins Getriebe zu bringen. Holger Wüst blickt ebenso wandfüllend von Venedigs Markusplatz aus aufs internationale Geschiebe der Touristen und entwirft ein Kreuzfahrtschiff mit Marx als Galionsfigur. Johanna Kandl passt mit Beispielen ihrer Agitprop-Malereien ohnedies wunderbar ins Konzept. Paolo Woods und Gabriele Galimberti rücken fotografisch den Ressorts der Reichen zu Leibe, besuchen Singapur, Panama, die Cayman-Inseln oder die Londoner City und erzählen per Begleittext (und ein wenig nach dem Vorbild von Taryn Simon) davon, wie dort die Mafiosenrate um ein Vielfaches höher ist als im heimatlichen Italien. Die Ausstellung lebt in ihrem Dutzend an Positionen von der Empörung. Das war womöglich vor einigen Jahren ein Konzept mit Emanzipationspotential. Seit 2016 haben aber eindeutig die Falschen davon profitiert. Die Ausstellung drückt sich leider davor. Auch Kunst hat ihre Verfallszeit. So kommt die Schau ein wenig zu spät.

Holger Kube Ventura hat, noch während seine erste Ausstellung im Gange ist, gekündigt. Er geht zum 30. September 2017 – das angekündigte zweite Projekt, eine Retrospektive von Shirin Neshat, wird er noch realisieren. Seinerseits sitzt ihm der Kapitalismus im Nacken, und der hat in diesem Fall auch einen Namen. Götz Adriani, der Gründungsdirektor der Kunsthalle Tübingen, der den Betonbungalow in der Provinz in den Achtzigern zum Hot Spot der klassischen Moderne ausbaute, redet immer noch mit. Auf wikipedia findet sich folgender Eintrag in perfekt vergifteter Neutralität: „Die jährlichen Besucherzahlen schwanken stark zwischen 440.000 1996 und 30.000 im Jahr 2013“. Vom Totschlagargument der Blockbusterei ausgeknockt, ist Kube Ventura schon der dritte Adriani-Nachfolger, der das Handtuch wirft. Damit führt „Kapitalströme“ bei allem erzählerischen Elan die Performance des Geldes an sich selber vor. Die Innenschau des Kunstbetriebs: So exemplarisch hätte sie gar nicht ausfallen müssen.

kunsthalle-tuebingen.de

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