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The Conundrum of Imagination: Postkoloniale Blickwechsel

Wie lange sie doch immer wieder als Desideratum, als Fiktion oder gar Notwendigkeit im Gespräch war! Nun, endlich wieder realisiert, wirkt sie erfolgreich als magischer Attraktor und diskursiver Verstärker: die Ausstellung der diesjährigen Festwochen. Doch gar nicht sosehr als Zentralprojekt, sondern eher als logischer Puzzlestein im Gesamtgefüge. Schon der Takeoff des Festivals erzeugte einen subversiven Sog, der tatsächlich dazu animierte, etablierte Ideologeme einfach abzuwerfen. Zum Beispiel per Lecture und Vorstellung im Performeum unweit des Hauptbahnhofs, wo es möglich ist, sich hinzulegen und zu meditieren: In Daniel Lies »Death Center for the Living«, einer interaktiven Installation aus Mineralien, Pflanzen und verrottendem Obst, wo Sounds, irgendwo zwischen Brian Eno, Miles Davis und Art Ensemble of Chicago tatsächlich zeitliche Linearität und bewusstseinsmäßige Verklammerungen lösen. Vielleicht sollte man die Ausstellung im Leopold Museum ausnahmsweise von dort aus ansteuern und aus einer veränderten Gefühlsperspektive betrachten. Insbesondere wer ein wenig vorgebildet ist und sich vielleicht sogar daran erinnert, dass der große Theoretiker der Globalisierung, Immanuel Wallerstein schon anlässlich des Documenta11 Wort-Programms in Wien seine Thesen zu den Anfängen des kapitalistischen Weltsystems im 16. Jahrhundert nachzeichnete, sollte sich zunächst verführen lassen von der visuellen Anziehungskraft dieses Projekts. Es ist aus einem globalisierungskritischen Fundament heraus entwickelt und versucht Sichtweisen zu generieren, die Prozesse wirtschaftlicher und machtpolitischer Expansion Europas aus jeweils lokaler Perspektive wahrnehmbar zu machen; also das Gegenteil zum Narrativ des Hinausschauens auf die Welt (mit anschließender Ausbeutung) das in die europäische Kulturgeschichte eingeschrieben ist. Zum Beispiel widmet sich eine filmische Recherche in der Installation »The Trouble with Palms (Repérage)« von Filipa César den Ruinen einer deutschen Palmöl- und Rüstungsfabrik, ausgestattet mit Maschinen von Krupp, die bis in die 1980er Jahre auf der westafrikanischen Insel Bubaque in Betrieb war. Verbunden mit ausgestellten Dokumenten handelt es sich um eine Archäologie von Mythen der Produktion, welche die reale Arbeitswelt überlagern. Film, dokumentarischer Teil und Sitzgelegenheiten für das Publikum wurden in eine integrative Architektur zusammengefasst, wodurch der Werkcharakter betont wird. Szenographische Sorgfalt und Abstand der Werke zueinander wirken einladend. Automatisch bleibt man hängen bei einem der Highlights, bei den großartigen Werken von Ines Doujak. Geisterhaft, erschreckend und anziehend zugleich wirken die Collagen ihrer Installation »Skins«. Die Einzelteile bestehen aus Orignaldrucken von Lehrtafeln und einem Atlas für die medizinische Ausbildung, wobei die Arbeiten Körperteile, Pflanzen und Tierfragmente vermischt, sodass artenübergreifende phantastische Kreaturen entstehen. Referenzen zum Umgang mit psychoaktiven Substanzen lassen sich weiterspinnen. Dazu bietet auch die Arbeit von Naufus Ramírez-Figueroa Gelegenheit. Sie wurzelt in Folklore und Träumen, antiken Mythologien und Magie und besteht aus geometrischen Formen aus Styropor und Kunstharz. Insgesamt überwiegt jedoch der analytisch kritische Teil basierend zumeist auf intensiven Bildwelten wie die Filminstallation »Our Wishes« von Jean-Pierre Bekolo, welche die Geschichte der frühen Kolonialisierung im Kamerun aus der zeitgenössischen afrikanischen Perspektiven aufgreift. Wenige bisher hierorts unbekannte Namen sind kombiniert mit Stars wie Pascale Marthine Tayou. Da macht es nichts, wenn »What if Austria had colonised Nigeria?« von Abraham Oghobase etwas unterkomplex wirkt. Man braucht auch nicht traurig sein, dass das von Ahmet Ögüt in einem Kohlenberg verborgene Miniaturteilstück des Leopold-Museums im Rahmen eines partizipatorischen Spiels längst ausgegraben und gegen einen kleinen Diamanten eingetauscht wurde. Es ist durch und durch eine starke Ausstellung, die besser ins Leopold-Museum mit dessen Moderne Ansatz passt, als anderswohin. Dem Projekt ist anzumerken, mit welchem Aufwand (der Festwochen) und mit welcher Genauigkeit (der Kuratoren Bonaventure Soh Bejeng Ndikung und Pauline Doutreluingne) es umgesetzt wurde. Die Ausstellung regt die Batterien der Augen an, führt in »andere«, außereuropäische Welten und verzahnt Ästhetik mit politisch, kritischen Sichtweisen. Kein Zufall war daher auch das eingangs erwähnte »Performeum«. Denn dort geht ein ausführliches Lecture- und Performance-Programm über die Bühne. Und doch ist noch etwas hervorzuheben: Die Textredaktion der erstklassigen, vermittelnd aufbauenden und präzisen Werkbeschreibungen des sachlich, schön gestalteten Ausstellungsführers, der frei erhältlich ist. In zwei Sprachen. Ein Bildungsgenuss. -- Informationen zum Performance und Lecture Programm im Performeum HIER

Mehr Texte von Roland Schöny

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The Conundrum of Imagination
18.05 - 18.06.2017

Leopold Museum
1070 Wien, Museumsquartier
Tel: +43 1 525 70-0, Fax: +43 1 525 70-1500
Email: leopoldmuseum@leopoldmuseum.org
http://www.leopoldmuseum.org
Öffnungszeiten: Mi-So 10-18 h

performeum
1100 Wien, Laxenburger Straße 2A
http://www.festwochen.at
Öffnungszeiten: Do-So 18-22 h


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