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Eurozentrischer Blick – Neu?

Auf der Suche nach bedeutsamen Umbrüchen wurde für die diesjährige documenta 14 das Motto „Von Athen lernen“ gewählt, was mit ein Grund dafür war, die wichtigste Großausstellung in Europa nicht wie sonst in der idyllischen und vom Weltgeschehen relativ unberührten norddeutschen Provinzstadt Kassel durchzuführen, sondern im von Krisen geschüttelten und ökonomisch instabilen Athen. Griechenland, einst Geburtsland der Demokratie, steht momentan für den gesellschaftspolitischen Wandel, der auch ein mögliches Scheitern der europäischen Gemeinschaft impliziert. Die griechische Metropole hat unbestreitbar, sowohl unter historischen, politischen, ethnischen als auch kulturellen Aspekten, einem sich nach Überraschungen und Heilmitteln sehnenden kunstinteressierten Publikum viel zu bieten – abgesehen von zeitgenössischer griechischer Kunst, die international nur marginal präsent ist.

War dies ein Beweggrund für den künstlerischen Leiter Adam Szymczyk, hier, in diesem geopolitischen Vakuum, erstmals mit der „Doppelstruktur“ Athen-Kassel in Erscheinung zu treten?

Die Idee einer Differenzierung der westeuropäischen Gegenwartskunst ist nicht neu: Bereits 1997 wurde dieser Trend von Catharine David initialisiert. Szymczyk setzt den geopolitischen Exodus im Sinne einer Multitude fort, die für ihn eine Voraussetzung für Lernprozesse schafft. Die gewählte Maxime „Von Athen lernen“ verweist auf das lateinische „Dozieren“, welches dem Begriff „Dokument“ etymologisch zugrunde liegt. Das produktive Lernen findet vorzugsweise im Kollektiv statt und geschieht an verschieden Orten.

Der Gedanke des Lernens im Kollektiv zeichnet sich auch in der Verstärkung des documenta-Teams ab. Alle hundert Mitwirkenden versammelten sich anlässlich der Pressekonferenz zu einer musikalischen Performance des 1970 verstorbenen griechischen Künstlers Jani Christou (in einer Adaption von Rupert Huber) mit dem Titel Epicycle, um zu animistischem Lautenspiel und Gesang eine Art ausdruckstarkes „Parlament der Körper“ zu formen.

Sehr ambitioniert betont Szymczyk die Tragweite des Kollektivs in den heutigen gesellschaftlichen Spannungsfeldern, nämlich mithilfe der künstlerischen Praxis der akuten Spaltung entgegenzuwirken. Denn die Zeichen deuten aktuell auf ein gefährliches Kräftemessen der Nationen. Was die Kunst dagegensetzen könne, sei „[…] in der Tat wenig. Doch dies ist kein ausreichender Grund, es nicht weiter zu versuchen“, so Adam Szymczyk. Politisch entspricht dies wohl dem Slogan der deutschen Kanzlerin, „Wir schaffen das“, der die Angst vor dem Unbehagen an „fremden“ Kulturen im Zaum halten sollte. Erst mit der Entwicklung dieser grundlegenden kollektiven Akzeptanz können wir uns Gedanken machen, wie wir als politische Subjekte gegen Transgressionen des Neokolonialismus, Neofaschismus, Fremdenhasses und Verschuldens agieren können.

Das Interesse an den Relationen zwischen Individuum und Kollektiv ist in Athen nicht zu übersehen. Das gemeinsame Essen, ein Projekt von Rasheed Araeen am Kotzia-Platz, oder das Nähen von Jutesäcken am Syntagama-Platz, konzipiert von Ibrahim Mahama, sind Beispiele für Aktionen an öffentlichen Plätzen, die in verschiedensten künstlerischen Medien umgesetzt werden.

Doch auch im geschützten musealen Raum wird auf das Kollektiv fokussiert. Die Fotoserie To tie Oneself to the Mountain von Maria Lai (1919–2013) bildet den Entstehungsprozess eines Kriegerdenkmals in Ulassai (Sardinien) ab, der von der Künstlerin in einer Performance mit den Bewohnern ihres Heimatortes festgehalten wurde. Das Projekt, das vor allem durch Lais Aktion mit dem blauen Band Erinnerungen an Edward Krasinskis (1925–2004) konzeptuelle Rauminstallationen weckt, kam erst nach langwierigen Verhandlungen mit der Dorfgemeinde zustande.
Im neuen Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst (EMST), wo ein Hauptteil der documenta 14 gezeigt wird, finden sich auch überraschende kunsthistorische Reminiszenzen wie die Frauenporträts aus den 1960er- bis 1970er-Jahren als Leihgaben der Nationalgalerie in Tirana. Die Tätigkeiten der in Stil des Sozialistischen Realismus dargestellten Frauen werden über die hinzugefügten Werkzeuge erkenntlich gemacht, trotzdem: Die Figuren erscheinen passiv und regungslos und werden so zu Götzen des nationalen Kollektivs. Sind diese Porträts heute noch zeitgemäß? Verweisen diese Rückblicke auf die sozialpolitische Brüchigkeit der Demokratie in der Wende, wie dies im documenta-Reader erläutert wird?

Die documenta 14 spiegelt jedoch auch einmal mehr das altbekannte Dilemma zwischen Theorie, gesellschaftlicher und künstlerischer Praxis: Der hochgefeierte rumänische Künstler Daniel Knorr beispielsweise zeigt in seiner Mixed-Media-Installation Materialisation einen Müllhaufen als Sinnbild für den „Ursprung und Motor unser Zivilisation“. Dieser scheinbare wertlose Abfall, zusammengetragen aus Athens Straßen, dient ihm als künstlerisches Material, aus dem er seine „Reisetagebücher“ anfertigt. An dieser Stelle bleibt die Frage offen, warum die Theorie die Gegenwart präzise zu entwerfen vermag, die Kunst hingegen in Wiederholungsgestik oder ästhetischer Dokumentation befangen bleibt. Es wird sich demnächst in Kassel zeigen, ob die documenta dem angestrebten Akt der Befreiung in der zweiten Staffel näherkommen kann.

documenta 14 Athen
8. April - 16. Juli 2017

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