Wieder erhältlich: Schorskes Wien-Buch

Rainer Metzger, 14.04.17

„Zwei grundlegende soziale Tatsachen unterscheiden das österreichische Bürgertum von dem in Frankreich oder England: es vermochte den Adel weder zu zerstören noch sich gänzlich mit ihm zu verschmelzen. Und dieser Schwäche wegen blieb es vom Kaiser abhängig und zugleich ihm tief ergeben als einer fernen, aber notwendigen schützenden Vaterfigur“: Wie Franz Joseph, der schier ewige Habsburger, der seit 1848 auf seinem Thron saß, so etwas wie die Schutzgottheit abzugeben hatte für die rasanten Avantgardismen des Wien um 1900: Das wäre das Alleinstellungsmerkmal dieser speziellen Moderne. Sie erzählt ein Buch nach, das als eines der großartigsten in der Kulturgeschichtsschreibung überhaupt gelten darf.

Carl E. Schorskes „Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle“ erschien 1982 bei S.Fischer. Im amerikanischen Original war es als „Fin-de-siècle Vienna. Politics and Culture“ zwei Jahre früher dran. Man darf sagen, mit ihm entstand ein Boom, von dessen Hartnäckigkeit man sich ab sofort und in ansteigender Schärfe im nächsten Jahr überzeugen kann. Als Kronzeugen des so weit tragenden Jahrhunderts dienen Schorske nacheinander: die Dichter Schnitzler und Hofmannsthal; die Architektur der Ringstraße und die nachfolgende des Secessions-Stils; die Traumdeutung Sigmund Freuds; die Malerei Klimts und Kokoschkas; die Musik Schönbergs.



Im mittleren Kapitel, das dadurch eine Art Scharnier bildet und Schorskes Kompetenz am schönsten zeigt, wird eine seltsame Trias an Politikern vorgeführt, die bei aller Gegensätzlichkeit die Radikalität teilen: Karl Lueger, der antisemitische Chef der christlich-sozialen Partei, der schließlich zum Bürgermeister aufstieg, nachdem der Kaiser sich zwei Jahre geweigert hatte, ihn zu bestellen; Georg von Schönerer, der Deutsch-Nationale, der ins Parlament einen Ton der Unverschämtheit und Pöbelei trug, wie man ihn heute speziell außerhalb solcher Häuser vernimmt: sowie Theodor Herzl, der der aufkeimenden Pogromstimmung mit der Idee des Zionismus begegnete.

Auch wenn Schorske sich der Kultur verschreibt, ist sein Thema die Politik. Wie es einen Schutzgott gibt, so kreist ein Luzifer über der Wiener Veranstaltung. Er findet auf den 350 Seiten gerade viermal Erwähnung. Schorske zeigt, dass sein Auftritt unvermeidlich geworden sein wird, und in ihm wird sich Tradition und Moderne auf bis dato unvorstellbare Weise vermengen. Schorske lässt ihn durchscheinen, wenn er beschreibt, dass Otto Wagners Postsparkassenamt, das Fanal eines Form Follows Function, für eine Klientel entworfen wurde, die dem Bürgermeister Lueger hörig war, die kleinen Leute mit ihrer Gleichzeitigkeit von Antisemitismus und Sozialismus. Und Schorske beschreibt, wie der Geist des Liberalismus, der die Ringstraße, das Großbürgertum und ihren Fortschrittsoptimismus, der ein Fortschrittsästhetizismus war, beflügelte, in eine Emphase der Triebe, des sich treiben und dann des sich gehen Lassens umschlägt. Schließlich fällt der Name des teuflischen Lichtbringers, in einer wunderbaren Formulierung, denn sie spielt auf Karl Marx an, der leider dann überhaupt nichts mehr zu melden hat: „Eines Tages sollte diese Farce als Trauerspiel auf die Bühne kommen, mit Schönerers Verehrer Hitler in der Hauptrolle“.

Wer verstehen will, wie die orthodoxen Bewegungen der Moderne, wie die Ismen der Kunst und die Ismen der Politik zusammen passen, ja zusammen gehören, kommt an Schorske nicht vorbei. Am Ende seines Lebens bekannte ein weiterer der Wiener Ultramodernen, Karl Kraus, der bei Schorske keine große Rolle spielt: „Zu Adolf Hitler fällt mir nichts ein“. Wer frühe Ton-Aufnahmen des „Fackel“-Trägers hört und sie im Ohr klingeln lässt im Vergleich mit dem größten Führer aller Zeiten, weiß schon, warum: Es gibt diese spezielle Gemeinsamkeit des Dogmatismus, der Unerbittlichkeiten und Unbarmherzigkeiten. Entwickelt wurde dieser Totalitarismus, der nur eines anvisiert, nämlich alles, in Wien.

Seit zwei Wochen ist Schorskes Opus Magnum, mit einem Vorwort von Jacques le Rider versehen, wieder erhältlich, im Molden Verlag. Es kostet nun so viel in Euro wie es damals, als es erstmals erschien, zurückgerechnet in D-Mark gekostet hat. Eine besondere Empfehlung für die Feiertage.

Carl E. Schorske: Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siecle
Mit einem Vorwort von Jaques le Rider. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Horst Günther
978-3-222-15001-2
Molden Verlag
€ 39,90,-


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