Kassel-Athen

Rainer Metzger, 07.04.17

Mit der Verspätung von zwei Jahrzehnten spiegelt die documenta in ihrem Leitungspersonal die Kanonisierungen des Kunstbetriebs. Der 70er Aufstieg der Frauen kam bei Madame David zum Tragen, die Entdeckung des afrikanischen Kontinents der 80er bei Mister Enwezor und jetzt ist die 90er Auslotung des weiland Ostblocks dran, aus dessen Hemisphäre der aktuelle künstlerische Direktor Adam Szymczyk kommt. Auf ihre Art reagiert die documenta auf die Emanzipationen. Dabei erfährt jetzt Griechenland eine Fokussierung. Mit diesem Samstag öffnen die 100 Tage ihre Pforten in Athen, zwei Monate, bevor sie das auch im Heimatort Kassel tun.


Hans Haacke, Wir (alle) sind das Volk, 2003/2017, Banner, EMST – Nationales Museum für Zeitgenössische Kunst, Athen, documenta 14, © Hans Haacke/Bildrecht, Wien 2017, Foto: Mathias Völzke

Nun hat das Museum für jeweils einen Sommer sich schon öfter, wie nennt man das, outgesourct. Jan Hoet steckte 1992 seine Marathons ab, Enwezor 2002 seine Plattformen und Carolyn Christov-Bakargiev ihre Nebenschauplätze im Mittleren Osten und in Kanada. Das waren zum einen Goodwill-Touren im Vorfeld und zum anderen parallele Räume der Präsentation. Athen aber eröffnet gleich früher, und vor allem soll das Ganze ein beiderseitiges Geben und Nehmen werden.

Wer ums Fridericianum herum ausstellt, wird es auch im Schatten der Akropolis. Das klingt fast zu klassizistisch und entspricht einem Wertemodell des guten alten Europa. Womit die Griechen sich revanchieren, entspricht noch mehr dem Wertemodell des guten alten Europa. Sie servieren nämlich die Poseidon-Platte landestypischer Spezialitäten. Der Tellerrand bleibt unberührt dabei, denn in Kassel, so stellt es Katerina Koskina, die Direktorin des in der Zusammenarbeit federführenden Athener Museums für zeitgenössische Kunst, des EMST, in Aussicht, werde es nationale Ware geben: „Wir werden Werke aus unserer Sammlung im Kasseler Fridericianum zeigen, Werke griechischer Künstler, von denen die meisten im Ausland leider völlig unbekannt sind. Und sie verdienen, dass sich das ändert, denn es sind großartige Künstler.“ (Quelle: deutschlandfunk.de, Eintrag vom 11.März 2017)

So etwas nennt man dann wohl Selbstorientalisierung. Statt sich als selbstverständlicher Bestandteil einer weltweiten Kommuikation zu nehmen und etwa zu fragen, welche internationalen Positionen dem eigenen Selbstbild auf die Sprünge helfen, zelebriert man eifrig eine Leistungsschau, als wäre die Weltausstellung der Kunst eine des 19. Jahrhunderts. Im Mechanismus der Kolonisierung, schreibt Edward Said in seinem Klassiker von 1978, erscheint „der Orientale als jemand, über den man urteilt (als stünde er vor Gericht), den man erforscht und beschreibt (wie in einer Fallstudie), den man diszipliniert (wie in der Schule oder im Gefängnis) oder abbildet (wie in einem Lehrbuch für Zoologie)“. Zum Mechanismus gehört es, dass man diese Perspektive als Abgebildeter, Beschriebener etc. dann für sich selber übernimmt.

Längst sind dem Kunstbetrieb seine Sinnangebote abhanden gekommen, wenn er sich an das Publikum wendet, mit dem er die Provenienz teilt, spricht dem europäisch-amerikanischen. Hier punktet er allenfalls, und dies immerhin teils spektakulär, wenn er sich in die Ökonomien der Aufmerksamkeit oder gleich jene des Geldes einreiht, wenn er Blockbusterträchtigkeit und Marktkalküle bedient. Einen Wert, der über den Preis hinausgeht, hat er eher für Adepten aus jenen Welten, denen er bis vor kurzem verschlossen war: vor allem also für die Avancen aus der ehedem dritten Welt, die die Segnungen des Westens bis dato eher als Imperialismus kennen gelernt hat.

Auf der documenta plant sich Griechenland, wie es aussieht, zu präsentieren, als gehöre es zu den bis dato zu kurz Gekommenen. Tatsächlich hat sich das Land in den letzten Jahren als Objekt des Imperialismus gefühlt. Nun wird auf banal herkömmliche Weise der Fokus auf die nationale Selbstbeschränkung gelegt. Sehr fraglich, ob daraus eine Emanzipation folgt.

www.documenta14.de

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