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Syndrom

Ca. 100 Besucher der heiligen, der hochgebauten Stadt werden jährlich mit einem Krankheitsbild in die Klinik eingeliefert, das man „Jerusalem-Syndrom“ nennt. Es befällt vor allem Touristen. Deswegen sollten Fremdenführer, so heißt es in einem Ratgeber, speziell auf folgende Anzeichen achten: „1. Erregung, 2. Abspaltung von der Gruppe, 3. Obsessives Baden; zwanghaftes Schneiden von Finger- und Fußnägeln, 4. Anfertigen eines ausnahmslos weißen togaähnlichen Gewandes, oft mit Hilfe von Hotelbettwäsche, 5. Der Drang, Bibelverse herauszuschreien oder laut zu singen, 6. Gang an eine der heiligen Stätten Jerusalems, 7. Predigen an einer heiligen Stätte“. Diese Liste findet sich, Seite 707, in der schönen Biografie der Stadt, die Simon Sebag Montefiore 2011 publizierte.


Luftaufnahme des Tempelbergs, Jerusalem. Foto: Andrew Shiva / Wikipedia / CC BY-SA 4.0

Angeblich war es Nikolai Gogol, dem im Jahr 1848 die besagte Befindlichkeit zum ersten Mal widerfuhr. Dass Reisende, wenn sie auch noch Literaten sind, in einen pathologischen Zustand geraten, wird durchaus öfter diagnostiziert. Einschlägig ist vor allem das Stendhal-Syndrom, benannt nach Gogols Kollegen und einem der bedeutendsten Romanciers überhaupt, dessen sich im Anblick des künstlerischen Erbes der Stadt Florenz Gefühle der Beklemmung, der Erschöpfung und der Minderwertigkeit bemächtigten. Es geht auch anonymer, etwa beim Paris-Syndrom, das vor allem Massentouristen an den Tag legen. Bevorzugt bemächtigt es sich japanischer Besucher, wenn sie sich unfähig fühlen, das exuberante Besichtigungsprogramm zu meistern und ihrerseits der Lethargie verfallen. An diesem Wochenende war im „Standard“ darüber zu lesen.

Doch bleiben wir beim Jerusalem-Syndrom. Es äußert sich weniger in Niedergeschlagenheit als in jubilatorischer Selbstermächtigung; man fühlt die Berufung zum Propheten in sich aufsteigen und die seherische Erwartung steigert sich bis zum Wahn. Nach einigen Tagen immerhin legt sich die Überidentifikation meistens wieder. Man war buchstäblich zum Fanatiker geworden, zum Eingeweihten in ein Fanum, zum Initiierten in eine Sphäre der Heiligkeit. Das Profane einer sich im Alltag und seinen Problemen und Geschäftigkeiten verausgabenden Existenz sollte überstiegen werden, transzendiert, denn die Schwelle zum Göttlichen erschien für den Moment der Emphase niedrig genug. Dank der medizinischen Hilfe des Kfar Shaul Mental Health Centre, das auf das Syndrom spezialisiert ist, hat es mit dem Erleuchtetsein bald wieder ein Ende. Das Erweckungserlebnis wird Episode bleiben.

Oder auch nicht. Der Eingottglaube, für den Jerusalem wie keine andere Stadt steht, der Monotheismus, ist monomanisch, monolithisch, monopolistisch. Er ist auch monoton. Er ist rigoros, intolerant, rechthaberisch. Und weil sich die Welt nicht unbedingt fügen will in die Konstruktion einer Einheit, bedarf es bei aller Fixierung auf den Einen des unumstößlichen Gottes eines Vis-á-vis, das für die Unzulänglichkeiten zuständig ist: für das Böse, das Schmutzige, man könnte auch sagen: das Reale. Solche Konstruktionen gehen dann über den Status eines Syndroms weit hinaus.


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