Norden im Osten

Iris Meder, 15.05.17

Ein Land, das sich und seine Bevölkerung in hirnrissigem Ausmaß selbst schädigt, aus eigener wahnwitziger Entscheidung: Ungarn. Der Paria unter den Staaten der EU hat eine wechselvolle Geschichte im Rücken, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eng verknüpft war mit der des großen Bruders Sowjetunion. Hat der Ringturm vor zwei Jahren die politisch und damit auch architektonisch heterogenen 1950er Jahre der ungarischen Baukultur aufgearbeitet, so dokumentiert man nun die "langen 1960er Jahre", beginnend mit dem "Tauwetter" der Chruschtschow-Ära und dem zu Recht prämierten Ungarn-Pavillon auf der Brüsseler Weltausstellung von 1958. Beeinflusst von der (als solche nicht thematisierten) "dänischen Gruppe" von im Krieg evakuierten ungarischen Architekturstudenten wie Zoltán Farkasdy und Lajos Zalaváry, entstanden vor allem in den frühen Sechzigern im ganzen Land wunderbar skandinavisch-leichte Wohnbauten, Spitäler, Wassertürme, Umspannwerke und Thermalbäder, gerne mit Stahlbetonskelett und Sichtziegel-Ausfachung, die dem hippen "Ostmoderne"-Klischee kein bisschen entsprechen. Mitte des Jahrzehnts trat der globale Brutalismus auch in Ungarn in Erscheinung und brachte Bemerkenswertes u. a. im Wohnbau hervor – und das singuläre Kleinod des Sputnik-Observatoriums in Szombathely.

Fast zu schön, um wahr zu sein, ist dabei die Vorstellung, dass all die luftigen Cafépavillons, Modesalons, Hotellobbies und Bootsklubhäuser, die die historischen Fotografien zeigen, ihre Leichtigkeit heute noch so frei und unbeschwert demonstrieren wie vor fünfzig Jahren. Gut ist, dass der Katalog ein Verzeichnis der Adressen umfasst. Schade aber, dass man nichts dazu erfährt, in welchem Zustand die Bauten heute sind. Da hilft wohl nur eines: Hinfahren!


Tipps

 

Architektur im Ringturm
1010 Wien, Vienna Insurance Group, Schottenring 1
Tel: +43 1 531 39-DW 1115 oder DW 1101
http://www.vig.com/de/presse/architektur-im-ringturm.html
Öffnungszeiten: Mo - Fr 9 - 18 h




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Architektur im Ringturm
Ungarn – Architektur der langen 1960er Jahre

06.04.2017 bis 26.05.2017

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