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Spuren der Zeit: Auf der Suche nach der verlorenen Form

Der Einstieg erfolgt über die Wiedererkennbarkeit. Dieser fast pastos aufgetragene Pinselstrich, diese Struktur weiß auf weiß, man muss kein Kenner sein, um diesen in der Reproduktion zig-fach vergrößerten Farbauftrag als Hintergrund von Gemälden Egon Schieles zu erkennen. Die hier verwendeten Werke gehören zum Bestand des Leopold Museums, sind als deren Werbeträger gleichsam omnipräsent. Nun in der Halle des Untergeschosses, locken diese vom Sujet befreiten Hintergründe als monumentale Wandinstallation von Anita Witek in eine für das Haus eher unerwartet sperrige Ausstellung.


Sperrig muss nicht immer etwas Negatives bedeuten, ganz im Gegenteil. In diesem Falle versammelt „Spuren der Zeit“ sechs Positionen von Künstlern, die man unter dem Label “Lebt und arbeiten in Wien“ zusammenfassen könnte, zu einer Schau mit einer ganz dezidierten These, die sich unter anderem auf Walter Benjamin beruft.


Die von Stephanie Damianitsch kuratierte Ausstellung verfolgt die Überlegung, dass Wahrnehmung weniger ein biologisches Faktum ist, als eine von der medialen Situation und kulturellen Parametern abhängige Variable. Wirklichkeit soll demnach nicht als natürliches „Sosein“ begriffen werden, es sind gesellschaftliche Prozesse, die sie zu dem werden lassen, was sie nun darstellt. Damianitsch fasst dies mit der schönen Bezeichnung „Regime der Sichtbarkeiten“ zusammen. Es geht um Medialität, Materialität und formale Aspekte, das Motiv selbst tritt in den Hintergrund, bisweilen sorgt es zumindest für ein Aperçu. So etwa beschäftigt sich Mladen Bizumic in seinem Beitrag mit dem Bedeutungsverlust von analoger Fotografie und dem damit verbundenen Verschwinden von den hierfür verwendeten Filmen, die ebenso obsolet geworden sind wie eine Fischerhütte für Walfänger, das abgelichtete Motiv.


Und während Andreas Fogarasi und Cäcilia Brown einer visuellen Kultur im urbanen Raum in Form von Schriftzügen oder städtischem Inventar mit ordnender Funktion nachspüren, betreibt Sofie Thorsen anhand vorgefundener Bilddokumente eine Archäologie der Sichtbarkeit von Grabungsstätten in Kriegsgebieten. Kay Walkowiak indes begibt sich in der indischen Planstadt Chandigarh auf eine Spurensuche. In den 1950er-Jahren von Le Corbusier entworfen, ist die archetektonische Utopie heute dem Verfall preisgegeben. Was bleibt ist die Idee eines westlichen Figurenkanons, der trotz des desolaten Zustandes der Bauten zeitlos wirkt.


Waren es Schieles massenmedial verbreitete Pinselstriche, die einen in die Ausstellung geleitet haben, gerät man beim Verlassen ins Grübeln und wird womöglich den Blick schärfen. Bevor man dieser Tage wieder (nicht nur im Leopoldmuseum) in der Welt des Wien um 1900 versinkt, stellt sich die Frage, welche Formen aus der Wiener Moderne sich so in unser kulturelles Gedächtnis eingebrannt haben, dass wir sie schlicht als natürlich gegeben wahrnehmen.

Spuren der Zeit
20.10.2017 - 26.02.2018

Leopold Museum
1070 Wien, Museumsquartier
Tel: +43 1 525 70-0, Fax: +43 1 525 70-1500
Email: leopoldmuseum@leopoldmuseum.org
http://www.leopoldmuseum.org
Öffnungszeiten: Täglich außer Dienstag: 10-18 Uhr, Do 10-21 h


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