Die Energie der Nicht-Kunst

Susanne Rohringer, 11.03.17

Die Galerie Martin Janda zeigt derzeit ihre erste Einzelausstellung des kroatischen Künstlers Dimitrije Bašičević auch unter dem Pseudonym Mangelos bekannt.


Bereits 2016 war Mangelos mit anderen jugoslawischen Zeitgenossen in der Ausstellung < Der „Geist“ ist die Memorie > bei Janda vertreten. Er verkörpert durch seine Biografie und sein künstlerisches Leben sehr anschaulich mögliche Kunstentwicklungen im Sozialismus. Es ist das blockfreie Jugoslawien, das den Sozialismus des Dritten Weges eingeschlagen hat. Und es sind vor allem die 1950er bis 1980er Jahre, die hier sichtbar werden. In manchen Arbeiten, die er als „No-Art“ bezeichnet, ist er der „Antikunst“ des slowakischen Künstlers Július Koller sehr nahe.

1921 in Sid in Serbien geboren (gestorben 1987 in Zagreb), studierte er 1942 bis 1944 in Wien Kunstgeschichte und Philosophie nud schloss seine Studien 1949 in Zagreb ab. Branka Stipančić, die Kuratorin der Ausstellung, hebt den Einfluss der Wiener Museen, insbesondere des Globenmuseums in der Hofburg auf Mangelos hervor.

Einige seiner Globen sind nun auch bei Martin Janda zu sehen. Die meisten entstanden 1977 bis 1979. Sie sind von kleinem Format mit Farbe oder Folie überzogen und tragen einen Schriftzug.
Die Welt ist hier nur mehr an Ihrer Form erkennbar und momenthafte Zustandsbeschreibungen von Seelen- und Weltverfasstheiten zieren ihre Oberfläche.

Mangelos war Mitglied der neo-avantgardistischen Künstlergruppe Gorgona, die von 1959 bis 1966 in Zagreb tätig war und in vielen Ihrer Arbeiten eine „Entmaterialisierung des Kunstobjekts“ anstrebte. Die Gruppe pflegte einen regen internationalen Austausch mit Victor Vasarely, Dieter Roth, Harold Pinter, Enzo Mari, Lucio Fontana und anderen. In einer ehemaligen Rahmenhandlung gelang es ihnen, einen kleinen privaten Galerieraum - im Sozialismus (sic!) - zu betreiben, wo auch François Morrellet in den 1960er-Jahren ausstellte.

Mangelos arbeitete später in einer Galerie für zeitgenössische Kunst, schrieb Texte und kuratierte Ausstellungen. Im Zuge seiner Galerientätigkeit fing er an, eigene Arbeiten zu entwickeln indem er Buchseiten, Kartonagen und Bretter meist dunkel übermalte und darauf schrieb.

Einige dieser frühen Werke sind nun im ersten Raum bei Martin Janda zu sehen. Manche tragen die Aufschrift „L`ami“, „L´amour“ die er unter dem deutschen Titel „Abfälle“ als Werkgrupppe summierte. Sie sind zwischen 1961 und 1963 entstanden und meinen das Ende des „methaphysischen“ Menschen. Wahrscheinlich ist diese vernichtende Benennung auch auf die Erfahrung des Krieges zurück zu führen. Dem gegenüber setzt er „Noun-Facts“, in denen er auf geschwärztem Untergrund die Worte „Hand“, „Nase“, „Pferd“ setzt. Beide Werkgruppen wirken in Ihrer Handschriftlichkeit wie Kreidewörter auf Schultafeln geschrieben. Es handelt sich um eine zerbrechlich wirkende steile Schrift, die manchmal auch in verschiedenen Varianten auf „ärmlichem Untergrund“ aufgetragen ist. Eine Darstellungsart die international mit der Kunst der 60er-Jahre korrespondiert.

Mangelos, der sich auch nach seinem Studium weiterhin mit Philosophie beschäftigte, war ein eifriger Leser von Hegel, Heidegger und Benjamin. All diese Gelehrtheit brach sich in einer Art individueller Philosophie Bahn und schlug sich in einem experimentellen Kunstschaffen nieder. Vor diesem Hintergrund sind seine Manifeste, Theoreme und Projekte zu lesen.

Und nicht zuletzt ist diese „Non Art“ auch nur vor dem Hintergrund einer herrschenden Diktatur verständlich, als manche Kunstäußerung und große Geste nicht möglich oder verdächtig war.


Tipps

 

Galerie Martin Janda
1010 Wien, Eschenbachgasse 11
Tel: +43 1 585 73 71
Fax: +43 1 585 73 72
email: galerie@martinjanda.at
http://www.martinjanda.at
Öffnungszeiten: Di-Fr 11-18, Sa 11-16 h




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2 Postings in diesem Forum  versenden Ihre Meinung

Nur Intern
Vladimir Drazic | 21.03.2017 10:33 | antworten
"1921 in Sid in Serbien geboren" - Sid bzw. ganz Ost-Syrmien ist erst 1945 administrativer Teil Serbiens geworden, genauer gesagt der Autonomen Provinz Wojwodina. 1921 galt noch die Einteilung aus der k.k. - Zeit - also Slawonien.
Kleine Ergänzung
Vladimir Drazic | 21.03.2017 10:44 | antworten
"einen kleinen privaten Galerieraum - im Sozialismus (sic!) - zu betreiben" - ab 1965 dürfte man in Jugoslawien kleine Privatbetriebe gründen, bis 15 Angestellten.

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Galerie Martin Janda
Mangelos: manifestos, theses, projects and notes

08.03.2017 bis 21.04.2017

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