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Kraft

Rainer Metzger, 26.02.17

„Theodizee und Technodizee: Optimismus für ein junges Jahrtausend. Weshalb alles, was ist, gut ist, und warum wir es dennoch verbessern können.“ Ganz im Stil der Preisaufgaben, mit denen im Zeitalter der Aufklärung Philosophenkarrieren auf den Weg gebracht wurden, soll sich mit der Beantwortung dieser Frage eine Million Dollar gewinnen lassen. Ein Monarch der Gegenwart hat sie sich ausgedacht, ein Investor aus dem Silicon Valley. Genau 18 Minuten hat man Zeit, seine Gedanken darum zu ranken, 18 Minuten, so lange, wie auch ein Abendessen im angesagtesten Restaurant der Gegend dauert.

Der Held von Jonas Lüschers zweitem Roman braucht das Geld. Kraft heißt er titelgebend, er ist zwar nicht mehr jung, aber sein Familienleben samt obligatorischen Scheidungen kostet ihn sein Professorengehalt. Er hat in Tübingen den Lehrstuhl für Rhetorik inne, „als Nachfolger des großen Walter Jens“ (was Gert Ueding, der tatsächliche Nachfolger, davon hält, verliert sich in den Alternative Facts der Narration), und er ist im Grunde froh, dass er der täglichen Misere entfliehen und in Stanford über die Theodizee-Frage grübeln darf. Ein Besuch bei einer Verflossenen ist in die Reise eingebaut, sie ist handelsüblich Lesbe geworden, und natürlich nagt ihm das zusätzlich am Selbstbild.

Kraft ist ein alter Neoliberaler. Immer schon hatte er Margaret Thatcher sexy gefunden, studiert hatte er mit einem Stipendium der F.D.P.-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung, und es war ihm sozusagen ein Reichsparteitag, damals in den Achtzigern, gegen Petting statt Pershing und Schwerter zu Pflugscharen, Reagan zuzujubeln. Jetzt hat er die sich selbst erfüllende Prophezeiung: Ein waschechtes Produkt des Turbokapitalismus fordert ihn auf, die Welt für die beste aller Möglichen zu halten.

Eben das ist die Theodizee-Frage. Voltaire hatte sich in seinem „Candide“ 1759 darüber lustig gemacht, klug, zynisch, dem Sinn des Daseins abtrünnig geworden vom Erdbeben von Lissabon vier Jahre davor, das die aufklärerischen Ideen von der Meisterung der Welt durch die Technik über den Haufen geworfen hatte. Kraft imaginiert ein Erdbeben in San Francisco, samt Tsunami und Überspülung des Valley. So entkäme er der Antwort auf die Preisaufgabe. Doch leider wird es nichts mit dieser Katastrophe: „Nein, diesen Gefallen tut ihm die Stadt nicht.“

Lüscher probiert es mit Ironie. Gern auch brachial. Schon der Name seines Helden schwingt ins Allegorische aus: Von Fausts Bemühungen das alte „Logos“ mit „Im Anfang war die Kraft“ zu übersetzen, bis zu Christoph Menkes momentanen Versuchen (2009: „Kraft. Ein Grundbegriff ästhetischer Anthropologie“; 2013: „Die Kraft der Kunst“) lässt sich dadurch trefflich mit der Dynamisierung spielen. Und dass sich der Held am Ende in einen Selbstmord fallen lässt, der per App, die den interessantesten LiveStream-Act herausfiltert, weltweit übertragen wird, gehört entsprechend zur Logik. Jonas Lüscher fährt alles auf, was die Welt momentan so unerträglich macht. Und wie immer sind es diejenigen, die meinen, sie würden sie bessern, die sie am meisten verheeren.

„Kraft“ steht in der Tradition des Campus-Romans. Anders als Dietrich Schwanitz, der das Genre jedenfalls im deutschsprachigen Bereich inaugurierte, oder Peter Bieri, der unter seinem Nome de plume Pascal Mercier mit„Perlmanns Schweigen“ das vielleicht qualitätvollste Beispiel hervorbrachte, muss sich Lüscher nicht mit dem akademischen Metier herumschlagen. Die zuvor Genannten haben sich bald aus der Universität verabschiedet. Lüscher ist gar nicht erst eingetreten. Im Nachwort hält er es für nötig, auf seine verweigerte Dissertation hinzuweisen. Ganz weit hinten im Oberstübchen kramt er sich mit „Kraft“ doch eine Rechtfertigung dafür heraus.

So wird es dann nichts Rechtes mit der Ironie, für die er auf und zwischen den Zeilen bisweilen wunderbare Formulierungen findet. Es wird nichts Rechtes mit der Ironie, und das ist sehr schade. Die Realität könnte Ironie im Moment sehr gut brauchen.

Jonas Lüscher, Kraft, München: C.H.Beck 2017

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