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Lockere Sitten

„Berlin, halt ein, besinne dich, dein Tänzer ist der Tod“: So lautete die zentrale Zeile in „Fox Macabre“, einem Lied, das Friedrich Hollaender, der zehn Jahre später Marlene Dietrich von Kopf bis Fuß auf Liebe einstellen wird, 1920 schrieb. Die Zeile war auch der Slogan eines Plakats, das die Litfaßsäulen der Stadt in Totentanzstimmung versetzte. Das Gesicht zu dieser Stimmung hat im Jahr 1925 dann Otto Dix festgehalten, im Porträt der Anita Berber. Es ist im Moment der Hingucker einer Ausstellung in Düsseldorf. „Der böse Blick“ heißt sie und widmet sich den Jahren 1922 bis eben 1925, in denen der Meister der Typenfindung im Alltag im Rheinland lebte. Tatsächlich entstand das Bildnis der Berber in Düsseldorf. Ganz kurz darauf wird Dix wieder nach Berlin gehen. Dorthin, wo er und sein Personal auch gehörten.


Otto Dix, Bildnis der Tänzerin Anita Berber, 1925, Öl und Tempera auf Sperrholz, Sammlung Landesbank Baden-Württemberg, im Kunstmuseum Stuttgart, © Bildrecht, Wien 2017

Die Berber hatte die unmittelbare Nachkriegszeit grundiert mit der Verruchtheit ihrer hüllenlose Auftritte. Nackttanz war damals der letzte Schrei, denn man hatte ja buchstäblich das letzte Hemd verloren. Ein Jahrfünft danach hielt Dix es für alles andere als nötig, daran nochmals Anstoß zu nehmen. Sehr bekleidet zeigt er sie, gehüllt in das aufdringliche Rot eines Seidenkleides. Und gehüllt in den Tod, denn alles ist giftig in diesem Gesicht, die Augen funkeln wie aus der Unterwelt, die Haare lodern in Scharlach und die Haut überzieht sich mit der Unnahbarkeit von Quecksilber. Man könnte auch sagen: Die Haut ist weiß wie Kokain, denn diesen zweiten Aspekt in Karriere und Tragik der Anita Berber forciert Dix um so mehr. Gerade 26 Jahre ist die Abgebildete. So alt, wie Dix sie in seinem weniger bösen als gnadenlosen Blick auf die Hinfälligkeit macht, wird sie nie werden. Drei Jahre nach der Porträtsitzung ist sie tot, gestorben an Tuberkulose, geschwächt von den Drogen. Tanz und Tod fügen sich, wie das Plakat es immer schon gewusst hatte, zur Personalunion.

Viele, die sich mit den Zwanzigern und ihrer Welthauptstadt Berlin beschäftigen, haben es immer schon gewusst: Bei allem Betrieb lauerte hier allenthalben die Dekadenz, die Sitten waren verlottert und verludert, und die Perversionen waren unbeschreiblich. Es gibt da die vielbemühte Geschichte, die Harry Graf Kessler, der Impresario all der Umtriebe, in seinem Tagebuch erzählt: An einem späteren Abend im Februar 1926 war er zu Karl Vollmoeller, dem Industriellen, Bühnenautor, dem späteren Mitarbeiter am Drehbuch zu Josef von Sternbergs „Der Blaue Engel“ und vor allem auch reichen Erben in dessen Wohnung am Pariser Platz geladen worden. Max Reinhardt, der Theatermann, war anwesend. Es lagerten allerlei Mädchen in diversen Stufen der Ausgezogenheit auf den Diwans; sie arbeiteten schlecht bezahlt im nah gelegenen Großen Schauspielhaus und waren zu allem bereit. Attraktion des Abends war Josephine Baker; auch sie hatte nichts gegen Nacktheit, und eben so, abgesehen von einem „rosa Mullschurz“, tanzte sie nun vor den Herrschaften. Assistiert wurde ihr von Ruth Landshoff, der Nichte des Verlegers Samuel Fischer, die um so bekleideter war, denn sie hatte sich einen Smoking angelegt. Kessler, der homosexuelle Connaisseur, ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen und entwarf im Geiste sogleich ein Ballett, in dem er „die Baker“ als biblische Sulamith und „die Landshoff“ als König Salomo imaginierte. Das Ballett blieb Projekt, eine verschwitzte Phantasie. Es hätte die Szenerie allzu alteingesessen zurück befördert in die Jahrhundertwende, als die Décadence noch eine Epoche war.

Natürlich war das eine Privatveranstaltung, und ohne Kesslers beredte Notizen wäre sie es auch geblieben. Vor allem ist sie mehr als eine verklemmte Nummer fürs Nebenzimmer. Zur Altherrenobsession gesellt sich auf jeden Fall Ruth Landshoffs schillernde Sexualität. Neu ist auch die Begeisterung für jene Art von Fremdheit, die Josephine Baker verkörpert und in ihrer Exotik zwar auch den Rassismus bedient, aber sich darauf nicht reduzieren lässt. Im Gegenteil, Berlins Weltstadtkultur ist für den kostbaren Moment offen wie keine vorher für die Faszination an der Welt, für die Vielfalt und die Vermischung. Die Vermischung der Geschlechter, der sexuellen Vorlieben, der Rassen und der Klassen. Die „wilden“ Zwanziger waren vor allen Dingen tolerant, und gerade darin war Berlin ihre Hauptstadt. Die Kapitale hatte Besseres zu bieten als Aufmärsche.

www.kunstsammlung.de/otto-dix

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