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Gesicht im Sand

Rainer Metzger, 01.02.17

Michel Foucaults „Les mots et les choses“, auf deutsch bekannt als „Die Ordnung der Dinge“, gilt als erster Bestseller der Diskursliteratur. Im ersten halben Jahr seines Erscheinens gingen gleich 20.000 Exemplare über den Ladentisch, und es stellt sich die Frage, wer das eigentlich hatte lesen sollen damals im Sommer 1966. Womöglich war die Lektüreabsicht ein großes Missverständnis, doch die These war ja griffig, und sie verdichtete sich so schön im sehr zitablen Schlusssatz: Man könne, so fasste Foucault zusammen, „sehr wohl wetten, daß der Mensch verschwinden wird wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.“

Diese Wortfügung aus der 1974er Übersetzung von Ulrich Köppen dient nun einem Band als Titel, der eine „kurze Geschichte des Poststrukturalismus“ verspricht. Klaus Birnstiel hat immerhin 500 Seiten für seinen Rückblick gebraucht, und er bringt seine Protagonisten auf die Vorsilbe „Post-“. Am 1. Juli 1967 hatte der Karikaturist Maurice Henry in „La Quinzaine Littéraire“ vier Herren ins Baströckchen gesteckt und in die Wiese gesetzt, um sie als besondere Eingeborene zu porträtieren: Jacques Lacan, Claude Lévi-Strauss, Roland Barthes und eben Foucualt waren versammelt, und sie firmierten ganz ohne Verspätungspräfix als „Strukturalisten“. Egal, die Geschichte zählt, und wie es aussieht, ist sie mittlerweile sehr vergangen. Womöglich leben wir in einer Zeit, die Terry Eagleton bereits 2003 in einem eher lapidaren Bändchen in Aussicht gestellt hatte: Er nannte es „After Theory“.


Le déjeuner structura­liste : Michel Foucault, Jacques Lacan, Claude Lévi-Strauss und Roland Barthes. Maurice Henry (1907-1984 in "La Quinzaine littéraire", 1. Juli 1967

Mittlerweile sprießen die Rückblicke nur so aus dem Boden. Einer der instruktivsten stammt von Philipp Felsch, erschien im Frühjahr 2015 und heißt „Der lange Sommer der Theorie“. Diese Jahreszeit, sagt Felsch, war nicht zuletzt eine Sache geeigneter Kneipen. „Dispositive der Nacht“ hat er sein diesbezügliches Kapitel überschrieben und sich dabei seinerseits bei Foucault bedient. Man mochte es jedenfalls dunstig in den Biotopen, in denen die Revolte in die Hirne kroch.

Womöglich steht derlei Getränktheit mit Geistigkeiten aller Art auch am Anfang von Foucaults eingangs beschriebener Wette. Die Verwegenheit des Satzes, dass der Mensch verschwinden werde wie eine Zeichnung im feuchten Sand, war sicherlich eines der Erfolgsgeheimnisse seines Buches. Vielleicht aber gibt es auch noch ein anderes, und es stünde der Prophezeiung von der Auflösung des Humanen doch ziemlich diametral gegenüber. Ein Jahr davor, 1965, hatte es in Frankreich einen anderen Bestseller gegeben, es war ein simples Lied, hieß nach dem Namen der darin Angebeteten „Aline“ und stammte von einem Chansonnier namens Christophe. Hier die erste Strophe im französischen Original: „J’avais dessiné sur la plage/son doux visage qui me souriait./Puis il a plu sur cette plage/dans cet orage elle a disparu.“

Das ist mit fast den gleichen Worten dasselbe, was auch Foucault sagt. Es kann schon sein, dass sich das eine, von vornherein Hitparadentaugliche, vor das andere, etwas unkonventioneller Gedachte, schob, als es darum ging, sich in der Kunst des Verschwindens zu üben. Bei aller Ungewöhnlichkeit konnte sich Foucault auf einen ganz gewöhnlichen Mechanismus verlassen. Er handelte nicht vom Ende des Subjekts und von der Textualität der Sprache, sondern von der Wiederkehr der Klischees und der Unermesslichkeit des Sentiments. Irgendwo zwischen Liebeskummer und Selbstmitleid erwies sich dann die Triftigkeit einer Theorie, dass es das Ego nicht gibt.

Klaus Birnstiel, Wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand. Eine kurze Geschichte des Poststrukturalismus, Paderborn: Wilhelm Fink 2016

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