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Freud nach Alt

An diesem Mittwoch gab es in der Wiener Berggasse 19 die Vorstellung einer neuen Biografie über den ehemaligen Hausherrn. „Der Arzt der Moderne“ ist sie sehr hübsch betitelt. Peter-André Alt hat sie verfasst, er ist Germanist an der FU in Berlin und in diesem literarischen Genre mit einer zweibändigen Schiller- und einer einbändigen Kafka-Lebensbeschreibung hervorgetreten. Nun also der Einrichtungsberater für alle abendländischen Oberstübchen, Sigmund Freud, für den es seit 1977 in Grinzing eine Gedenktafel gibt. „Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Dr. Sigm. Freud das Geheimnis des Traums“, so schrieb Freud schon im Jahr 1900 an Wilhelm Fließ, müsste auf einer solchen Tafel stehen. Müßig anzumerken, dass genau das der Text ist. Es gibt zu den Fehlleistungen auch so etwas wie Treffleistungen.

Freud wollte, so findet es Alt in einem seiner Briefe, „ein Ding rasch durchgenießen“. Das ist mit dieser Biografie und ihren schier obligatorischen 1.000 Seiten natürlich nicht möglich. Knapp hundert Seiten weniger sind diesbezüglich beim Klassiker der Freud-Literatur, bei Peter Gays „Freud - A Life for Our Time“ veranschlagt. So geht es bei der Fülle an Geschriebenem zu diesem – bei allem anderen – Virtuosen der deutschen Sprache schlechterdings um etwas, das der Meister so schön „Narzissmus der kleinen Differenz“ nannte.

Alt findet sein Alleinstellungsminimalmerkmal natürlich in den vielerlei Anspielungen auf Bücher, in den Büchern der Schriftsteller. Dass Freud im Herbst 1912 ganz real in eine Ohnmacht fiel, die Kafka in seinem in diesen Tagen verfassten „Das Urteil“ fiktiv vorkommen lässt; dass Freud sich mit Ödipus beschäftigt, während Hugo von Hofmannsthal den „Elektra“-Stoff bearbeitet; dass Freud den psychischen Apparat dynamisiert, während parallel dazu Georg Simmel in seiner „Philosophie des Geldes“ derlei mit dem ökonomischen Apparat versucht: das sind die Trouvaillen, die man bei einem Philologen findet.

Greifen wir ein Beispiel heraus und sehen uns Freuds Verhältnis zu Stefan Zweig und wie es geschildert wird an. Zweig nennt ihn in seiner Autobiografie „Die Welt von gestern“ unverblümt den „verehrtesten meiner Freunde“. Derlei Neigung zum Superlativ gerät Zweig gern einmal in sein Schreiben: Mussolini ist ihm immerhin „einer der ersten und besten Leser meiner Bücher in Italien“ (wobei auch Freud sich in eine seltsame Fasziniertheit verstrickt und dem Duce folgende Widmung zukommen lässt: „Benito Mussolini mit dem ergebenen Gruß eines alten Mannes, der im Machthaber den Kulturheros erkennt“).


Salvador Dalì, Sigmund Freud, © Bildrecht, Wien 2017

Zweig jedenfalls hat bei Alt viele Auftritte. Es kulminiert in einem Treffen in London, bei dem auch noch Salvador Dalì eine Rolle spielt. Der spanische Exzentrialist hat eine Bleistiftskizze des Ehrwürdigen zu Papier gebracht, Alt bildet sie ab in seinem Buch, und sie ist wirklich beeindruckend. Zweig schildert in seiner Autobiografie seinerseits die Entstehung und beschließt die Schilderung, als lägen derlei Entscheidungen wirklich bei ihm: „Ich (also Zweig, R.M.) habe sie Freud nicht zu zeigen gewagt, denn hellsichtig hatte Dalí schon den Tod in ihm gebildet“. Als ob der Thanatologe schlechthin derlei Rücksichtnahmen notwendig gehabt hätte. Alt wiederum nimmt die Episode für bare Münze und beschreibt sie so wie Zweig sie beschreibt.

Bei Peter Gay kommt Zweig lapidarer weg. Die zentrale Mitteilung steht in einer Fußnote. Sie handelt von Martha, der Frau Freud, und geht so: „“Sie vergab Stefan Zweig … nie, daß er seine Frau Friederike um einer jüngeren Frau willen verlassen hatte“. Im Leben muss man Prioritäten setzen. In der Lebensbeschreibung auch.

Peter-André Alt, Sigmund Freud. Der Arzt der Moderne. München: C.H. Beck 2016

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