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Jenseits der wilden Schönheit der Meere

Susanne Rohringer, 28.02.17

Die Sammlung Thyssen-Bornemisza Art Contemporary von Francesca Habsburg zeigt derzeit im Atelier Augarten Arbeiten des berühmten amerikanischen Künstlers Allan Sekula.

Sekula, der nach schwerer Krankheit 2013 früh verstarb (siehe den Nachruf von Matthias Kampmann), widmete sich in seinen Fotozyklen und Filmen dem Leben auf den Weltmeeren.

2002 war sein 105 Einzelfotografien umfassender Fotozyklus „Fish Story“ auf der Documenta in Kassel zu sehen. Sekula arbeitete oftmals in Serien oder Zyklen um die Aussagekraft seiner Fotografien zu untersteichen.
In „Fischgeschichte“ dokumentiert er die Globalisierung des Fischhandels und des übrigen Güterhandels. Von 1989 bis 1995 recherchierte Sekula in den Häfen von New York, Rotterdam, L.A., Hongkong and Seoul. Er fuhr auf Containerschiffen mit um die harte Arbeit auf See zu portraitieren.

TBA 21 zeigt nun drei Kapitel aus diesem Fischzyklus: Middle Passage (Kap.3), Message in a Bottle (Kap.5) Walking on Water (Kap.9). Zu sehen sind dabei einzelne Fotos und mehrere Texttafeln. Den Texttafeln kommt dabei eine elementare Bedeutung zu. Sie sind in dieser Form von Sekula entworfen. Dennoch tut man sich heute sehr schwer mit der Zuordnung der Bilder zu den Bildunterschriften. Der Betrachter wird manchmal unvermutet in ein Thema hineingestoßen, deren Bezüge er nicht immer gleich erkennen kann. So zum Beispiel bei Sekulas Rekurs auf Captain Nemo von Jules Verne. Dieses partielle „Nicht-verstehen“ bringt der fragmentarische Blick auf diesen großen Zyklus mit sich.

Sekula, der in San Pedro, einer kalifornischen Hafenstadt mit all den Mythen des Meeres aufwuchs, überprüfte als Erwachsener die Geschichten der „wilden, freien“ Seefahrt. Dabei traf er auf die Härte der Globalisierung und die Ausbeutung der einzelnen Arbeiter und ihre soziale und familiäre Deprivation. So ist zum Beispiel eine Fotografie von Lärmschutzkopfhörern eines Arbeiters zu sehen auf die ein gestanztes Band geklebt ist: „I cannot be fired... slaves are sold.“ Ein weiteres Foto zeigt einen einsamen Matrosen in einer roten Telefonzelle im Hafen mit seiner Frau telefonieren.

Einige Filme von Allan Sekula illustrieren die Bedingungen des weltweiten Handels und der Industrie auf See. Mittlerweile erfolgen 90% des Handels auf Containerschiffen. Das Meer als unberührte, wilde und freie Zone gibt es als solche nicht mehr. Sekula setzt sich auch mit diesem historischen Bild der Freiheit mit Adam Smiths Zitat: „Lottery of the Sea“ in seinem gleichnamigen Film von 2006 auseinander. Entnommen ist das Zitat dem Buch „Der Wohlstand der Nationen“ von Smith, in dem dieser das Leben eines Seemanns mit dem eines Spielers vergleicht. Ähnlich risikobelastet aber voller Euphorie und Depression des Einzelnen ist dieser Vergleich zu verstehen. Sekula reiste in diesem 2006 entstanden Film von Hafen zu Hafen von Schiff zu Schiff, über Athen nach Yokohama und Los Angeles frei essayistisch nach dem Motto von Adam Smith. Zu sehen bekam er keine Freiheiten des Einzelnen mehr, sondern die Austauschbarkeit von menschlicher Arbeitskraft in Kombination mit Gütern und Containern.

Diese kapitalismus- und globalisierungskritische Schau ist vor allem eine Hommage an den zu früh verstorbenen Ausnahmekünstler Allan Sekula. Die Ausstellung trägt den Titel Okeanos (Ωκεανός) und meint damit den Sohn der Erde Gaia aus der griechischen Mythologie. Okeanos ist der Herrscher über die Ozeane und Gewässer und als solchen kann man Sekula getrost verstehen. Es könnte aber auch sein, dass sich Sekula „nur“ als Chronist und Dokumentarist der Meere verstanden hätte.


Tipps

 

TBA21 Augarten
1020 Wien, Scherzergasse 1A
Tel: +43 1 513 98 56 – 24
email: exhibitions@TBA21.org
http://www.TBA21.org
Öffnungszeiten: Di-So 12 - 19 h




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TBA21 Augarten
Allan Sekula - Okeanos

22.02.2017 bis 14.05.2017

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