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Oliver Mark - Natura morta: An den Enden des Lebendigen

Eine Nachschau auf das Projekt Pro(s)thesis & Posthuman Complicities im xhibit und der Gemäldegalerie der bildenden Künste Wien.

Eine Entdeckung fast in letzter Minute! Denn manche Begegnungen ereignen sich spät. Azyklisch. Deshalb gleich zu Beginn der Hinweis, dass es sich um ein ganz herausragendes Projekt handelt, das sich in den x-hibit Ausstellungsräumen und in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste mit einer unmittelbar sich mitteilenden Präzision ungesetzt wurde. Ohne dies herauszurufen ist es außerdem der gelungene Versuch, Poesie auf der Ebene des Visuellen und Kritik im Sinne einer reflektierenden Praxis vor der Folie des Gesellschaftlichen in ein Nahverhältnis zu bringen.

Man merkt zudem, dass offenbar eine intensive und feinfühlige Auseinandersetzung darüber geführt wurden, was Zeigen, was Ausstellen im Kontext dieser historisch aufgeladenen Räume überhaupt bedeuten könnte.

Technologische Durchdringung des Körpers
Zur Erinnerung die Themen: Es handelt es sich um zwei inhaltlich und räumlich miteinander verwobene Projekte, die an den sehr verzweigten Diskurs des Posthumanen andocken. Während »Posthuman Complicities« (kuratiert von Andrea Popelka und Lisa Stuckey) um technische Erweiterungen des Körpers als Greif-, Seh-, und Fortbewegungswerkzeug angesiedelt ist, zugleich aber sehr stark den Aspekt des Fluiden in Bezug auf den Atlantik und die Tiefsee betont, um so zu alternativen Lesarten von Bildern und Metaphern der Kolonialgeschichte vorzudringen, bildet »Pro(s)thesis« (kuratiert von Berenice Pahl und Felicitas Thun-Hohenstein) mehr das poetische Potential der Prothese als Metapher und als reales Element auf der Ebene biologisch-technologischer Durchdringung des Körpers ab.

Bereits das thematisch-visuelle Exposé zum folgenden Parcour demonstriert die Möglichkeit, sehr unterschiedliche Werke nebeneinander zu stellen, ohne dass diese auseinander fallen, sondern viel mehr einen Resonanzraum schaffen. Das mit Zwischentexten versehene Diashow-Video von Angela Su »The Assembly Line« stellt einen Zusammenhang zwischen fordistischer Fließbandindustrie und Prothese her; und zwar in der Umkehrung. Mit Spezialprothesen ausgestattete Versehrte aus dem Ersten Weltkrieg werden am Fließband, im Rahmen jener Fertigungsmethode also eingesetzt, die zum zentralen Paradigma der zunächst kapitalistischen – und letztlich gesamten – Produktion im 20. Jahrhundert geworden ist. Ohne den hier gar nicht mehr notwendigen moralisierenden Finger zu erheben, wird aus einer queer feministischen Perspektive gezeigt, wie der Mensch zum Werkzeug übermächtiger Maschinen degradiert wird. Der Diskurs wurde seit den 1990er Jahren extensiv geführt, deshalb passt es, das Video nicht offensiv herauszustellen, sondern in eine adäquate Dimension im Verhältnis zu den anderen Arbeiten in der Umgebung zu setzen.

Im Video »Pencil Mask« (1972) von Rebecca Horn bewegt die Künstlerin selbst sich mit einer stacheligen, aufgesetzten Bleistiftmaske vor einer weißen Wand hin und her, wobei sie ihren Bewegungsablauf in sich verdichtenden Linien an die Wand zeichnet. Unübersehbar handelt es sich um eine künstlerische Extension mit Abwehrcharakter gegenüber dem Außen. Dazu noch ein als »Maschine« beschriebenes, queer aufgeladenes Objekt der Viktoria Tremmel – »Sich selber Eier nähen« (2010) –, das symbolistisch, surrealistisch, feministisch wirkt.

Präzise gesetzte Situationen des Schauens
Entscheidend jedoch ist die kuratorische Haltung gegenüber den Werken, die sich in dem von Dorit Margreiter konzipierten Display für »Pro(s)thesis« manifestiert. Die Videos werden nicht in der üblich trivialen Art per, an die weiße Wand gehängtem, Flachbildschirm abgespult. Vielmehr bestechen die Räume durch beruhigte Zonen, weil die Monitore auf hochflächigen, jeweils an die Wand gelehnten Buchen-Sperrholz Panelen angebracht wurden, was interessanter und logischer strukturiert wirkt. Diese Entscheidung erleichtert das Nebeneinander sehr unterschiedlicher Repräsentationsformen, was auch im Rhythmus und Abstand der Werke genau berücksichtigt wurde. Die Ausstellung führt in verschiedene Situationen des Schauens und Nachdenkens. Einmal auf unten liegende Monitore (bei Lisa Bufano) mit mehreren zusammengehörigen Szenarien blicken, die auf einem bodennah gesockelten Display aus Holz liegen, dann wieder ein Objekt umschreiten. Ohne Spannungsverlust wurde den Werken entsprechend Abstand gewährt, der Ausstellungsraum in Vibrationen versetzt.

Kommentierende Interventionen
Allerdings sollte das in seiner Perfektion verführerische Projekt aus einer kritischen Distanz gelesen werden. Durch den surrealistischen Charakter mancher Werke, sowie deren museale Präsentation, etwa auf Podesten mit sichtbaren Schweißnähten wirkt es phasenweise zu historisch; auch da wo es zeitgenössische, feministische Positionen wie Birgit Jürgenssen oder Renate Bertelmann einbezieht. Dies allerdings liegt nicht zuletzt am Bezugssystem.
Die »Pro(s)thesis« Fortsetzung erfolgt mit Interventionen in der Gemäldegalerie durch künstlerische Interventionen als Kommentare und Kontrapunkte zum patriarchalischen Herrschaftsdiskurs der Kunstgeschichte, also dem gesellschaftlich eingeschriebenem Korsett des Weiblichen durch naturalisierende Zuschreibungen verbunden mit Darstellungen männlicher Begierde. Dieser Parcour bewegt sich auf die Auseinandersetzung der Ku?nstlerin Kerstin von Gabain mit Hieronymos Boschs Weltgerichtstryptichon zu. Von kaum woanders her könnte das Echo zurückstrahlen.
Am anderen Ende der Parabel – im Bereich der »Posthuman Complicities« also – ein tieferes Eindringen in Kunstformen der Gegenwart: Nicht nur mit einer Fotoarbeit von Mari Katayama, die sich – auf einem Sandstrand sitzend – als Menschenkrake in Szene setzt. Noch wesentlich mehr mit einer – neuerlich faszinierend – als räumliche Bild-Videoinstallation umgesetzten Arbeit der »Otolith Group«. Entlang des Themenstrangs Meer, Atlantik, Kolonialismus greift »Hydra Decapita« das Massaker auf dem britischen Sklavenschiff »Zong« (1781) auf, das William Turner später in einem seiner Gemälde verarbeitete.

Blickbeziehungen zwischen Mensch und getötetem Tier
Nicht ganz zu Ende erkundet ist damit der Bereich der temporären Projekte. Inhaltlich mit den beiden Ausstellungen in einem losen Zusammenhang stehend ist die kürzlich eröffnete und noch bis in den Sommer zugängliche Schau »Natura Morta« mit Werken des prominenten Berliner Porträtfotografen Oliver Mark. Mit der Kamera spürte er Blickbeziehungen zwischen Mensch, Natur, Umwelt und besonders auf das getötete Tier nach. Die meisten seiner Fotografien entstanden in der Asservatenkammer des Bundesamtes für Naturschutz und wurden so ausgeleuchtet, dass sie stilistisch wie Stillleben-Gemälde alter Meister wirken. Dementsprechend sind auch die an die jeweiligen Motive angepasste Rahmung wie in einer klassischen Kunstsammlung sowie das Licht in dieser höchst bemerkenswerten Ausstellung ein durchgängiges Thema.

Oliver Mark - Natura morta
27.04 - 16.07.2017

Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien
1010 Wien, Schillerplatz 3, 1. Stock
Tel: +43 1 58816 2222, Fax: +43 1 58633 46
Email: gemgal@akbild.ac.at
http://www.akademiegalerie.at
Öffnungszeiten: Di-So, Feiertag 10-18 h

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