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How To Live Together: Wohl austariert

Wie viele Tage Laufzeit noch? Wie viele schon vergangen? 147 ... 148 ... 149. Ein Gefühl, wie in Heiner Müllers "Mann im Fahrstuhl". Ungewisses Ankommen. Ein weiterer Ausstellungstitel, der das Soziale reflektiert. Was lässt sich erwarten? Wo Kunst jedoch als Weltvermessung verstanden wird, wie seit jeher, ist sie in all den, ihr eigenen Sprachen stets auch Gegenwartsanalyse; unter dem Paradigma zunehmend aggressiver (neo)liberaler Politik. Natürlich. Allerdings macht es gelegentlich skeptisch, wenn die ursprüngliche Re-politisierung der bildenden Kunst, wie wir sie seit den 1990er Jahren verfolgen, allmählich in ein Outsourcing des Politischen in Kunsträume und zu münden scheint. Trotz aller Anstrengung, dem entgegen zu wirken, führt das zu einer Inflation von Begriffen und Handlungsansätzen.  


Auch hier: ein "Community College". Glücklicherweise ist das vielbemühte "Verlernen" hintangestellt. Das angedockte Programm beleuchtet gesellschaftspolitische, aber auch kunsttheoretische Themen kritisch. Demnächst in dieser Reihe ein Seminar zu Roland Barthes, der in seiner ersten Vorlesung am College de France Utopien des Zusammenlebens anhand von Räumen in Romanen nachging. Von da also stammt der etwas trivial klingende englische Titel. Aber: keiner der zahlreichen Workshops heute. Vielmehr Menschentrauben, die konventionell an Führungen teilnehmen und die Schau nach und nach erwandern. Wie oft bei Projekten von Nicolaus Schafhausen: eine enormen Fülle an Material. Es bleibt nur wenig Raum für Resonanzen. Dafür Druck, Intensität, Dichte; verstärkt durch die Dramaturgie des Lichts, welche die Werke erst aus der Nähe visuell freizugeben scheint.


Perspektiven zwischen Antike und Poststrukturalismus
Man bewegt sich durch eher dunkle Zonen, wo sich architektonische Einsprengsel des gestaltenden Architekturbüros Studio Miessen finden: Wie Ruinenteile. Evident ist der Antike-Bezug: Klassisches Demokratiemotiv. Stufen, Säulen. Fragmentarische Überreste. Doch nicht aufdringlich auf Aussage hin getrimmt. Die unterschiedlichen Teile laden ein, sie zu benützen; zum Sitzen etwa.


Praktisch, denn die Ausstellung versammelt größtenteils ästhetisch und konzeptuell starke Werke, die als Video, als tönende Skulptur oder als Fotoserie Zeit einfordern. Inhaltlich sind sie im weitesten Sinn zentriert um das relativ offene Themenfeld des sozialen Gefüges. Passend daher eine Werkserie Herlinde Kölbls aus deren bekannten Langzeitstudien, in denen sie in regelmäßigen Abständen Persönlichkeiten der Macht porträtiert hat. Fotografisch protokollierte sie auf diese Weise die Spuren öffentlicher Exponiertheit in den Gesichtern. Angela Merkel etwa traf Kölbl zwischen 1991 und 2006 jährlich und zeichnete die Entwicklung vom jugendlich, mädchenhaften Gesicht zur staatstragenden Persönlichkeit auf. Kontrastiert wird diese Arbeit durch eine Werkserie Kölbls, die persönliche Geschichten und Wegenetze Geflüchteter fotografisch mitverfolgt.


Zwischen Bildern der Macht und Upper-Class
Die Themen Flucht und Migration werden nicht allzu oft strapaziert. Dennoch reicht das Auge der Kamera weit über Europa hinaus. Ein Video von Binelde Hyrcan fokussiert die Sehnsüchte von in Armut lebenden Kindern in Luanda, die am Strand liegen und sich in alternative Realitäten hinein träumen. Eine der Möglichkeiten könnten Upper-Class Szenarien bieten. Tina Barney stellt sie fotografisch in Gruppenporträts dar. "Young man with a dog" oder "The Antique Shop" heißen Arbeiten in der fast filmisch ausgebreiteten Reihe großformatiger Fotografien.


Insgesamt finden sich zahlreiche junge Positionen, einige davon aus osteuropäischen oder postkommunistischen Staaten, aber auch viele prominente Namen wie Yvonne Rainer, Jeroen de Rijke/Willem de Rooij, Wolfgang Tillmanns, Liam Gillick, Jeremy Shaw, Rosemaerie Trockel, Gelitin oder Kader Attia, der auch hier wieder – in seinem Filmessay "Reflecting Memory" – das Motiv des Reparierens verfolgt; im Zusammenhang mit Körperverletzungen und psychischen Traumata. Wo das Tragische ins beinahe Komische, Skurrile kippen kann, zeigt die Videoarbeit des erst 1991 geborenen Aslan Gaisumov aus Grosny. Es ist ein Re-enactment der Flucht der Familie des Künstlers aus Tschetschenien, als Grosny von russischen Streitkräften bombardiert worden ist. Damals zwängten sich 22 Personen in einen einzigen PKW der Marke Volga. Auf einer Wiese an den Wagen herankommend spielen sie dies noch einmal nach. Faszinierend, wie ruhig und zielbewusst alles vor sich geht. Am Ende lässt sich kaum begreifen, wie sehr diese Slapstick-Episode mit knallharten politischen Gegebenheiten verwoben war. Nur wenige Meter entfernt sitzt ein lebensecht menschlich wirkender Roboter von Goshka Macuga, der Gedanken zum Zusammenleben aus dem philosophischen Repertoire seit der Renaissance über Kant bis hin zu Hannah Arendt und Martin Luther King ausspricht; wie beliebig zusammengesetzt. Oder: Wie am Anbruch des Zeitalters, in dem künstliche Intelligenz kreativ und eigenmächtig zu werden versucht. Hypnotisch, suggestiv.


Ausgewogene Diversität
Im Gegensatz zu dem allzu technokratisch, steril wirkenden Einleitungstext zur Ausstellung im sonst sehr ausführlichen und informativen Kurzkatalog, wo wieder einmal alle Begriffe zu Migration, Flucht und Ausgrenzung auf der Gegenseite von Solidarität und Teilhabe herunter gerattert werden, handelt es sich also weniger um ein aktivistisches Projekt, sondern um eine breite Zusammenschau stilistisch unterschiedlicher und vielschichtiger Werke. Falsch wäre es daher, mit dem eher negativ besetzten Begriff der Thesenausstellung zu operieren. Dazu sind die einzelnen Positionen und künstlerischen Praktiken viel zu individuell. Hingegen ließe sich umgekehrt fragen, ob das Projekt durch seinen Pluralismus an Verfahrensweisen nicht zu sehr auseinander driftet und ins Beliebige übergeht. Wenn auch fast unmerklich, binden hauptsächlich Display und Lichtsituation, die Arbeiten in ihrer Diversität zusammen. Deshalb wirkt die Ausstellung insgesamt wie der Ausschnitt aus einer Bestandsaufnahme von Arbeiten, welche Dynamiken von Ökonomie und Politik einbeziehen, während sie formal höchst unterschiedliche Perspektiven verfolgen. Gut ausbalanciert also und nicht ideologisch, sondern nach außen hin offen.

How To Live Together
25.05 - 15.10.2017

Kunsthalle Wien Museumsquartier
1070 Wien, Museumsplatz 1
Tel: +43(0)/ 1/ 521 89-0, Fax: +43(0)/ 1/ 521 89-0
Email: office@kunsthallewien.at
http://www.kunsthallewien.at
Öffnungszeiten: Mo-So 10-19, Do 10-21 h

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