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Vergangene Zukunft

Goschka Gawlik, 31.01.17

Die bereits dritte Ausstellung von Joëlle Tuerlinckx in der Galerie Nächst St. Stephan vermag, wie öfters bei dieser Grand Dame der belgischen Kunst, eine gewisse Desorientierung zu stiften: überall an den Wänden, auf dem Boden und unter der Decke türmen sich gleichwertig fragile und sensible, kleine und große Werke auf, wie Collagen, Zeichnungen, Vitrinen, Fundobjekte, Farbdrucke, allerlei Papiere, Fotos, Wandmalereien und sogar Filme werden projiziert. Wie kann man sich in diesem scheinbar nicht abreißenden Datenstrom alias Werkstrom zu Recht finden und sich Übersicht verschaffen? Am besten schreitet man durch alle vier Ausstellungsräume gleich schnell und sucht sich dann einen oder mehrere Stützpunkte, von denen aus sich alle Exponate mehr oder weniger erschließen lassen. In Zeiten wo alle Medien, auch die dokumentarischen, ihre Unschuld und Authentizität verloren haben, liegt im Rauschen der Verdichtung von diversen Ausdrucksmitteln das richtige Maß der Dinge. Es geht der Künstlerin jedoch nicht so sehr um ihr einmaliges Erscheinen, als vielmehr um ihr Wesen und ihre Ideen, die sie räumlich niemals im Zentrum verortet, sondern in der Peripherie, am Rande.

Die anwesenden Objekte und Materialien stehen oft als Negative für das Bild eines Gegenstandes, sie werden zumeist im Kontext des architektonischen Displays der Galerie betrachtet und dienen ihrer reflexhaften Selbsterkenntnis. Ihre Abwesenheit erweckt zugleich eine Begierde im Sinn ihres Fetischcharakters als paléolithische Relikte. Durch das Verfahren des Kopierens, Scannens oder der Imitation vermitteln Tuerlinckx’ Werke außerdem den Hauch des Poetischen und Nichtpolitischen, obwohl sie gar nicht so unpolitisch in der Erzeugung diffiziler Verbindungen zwischen ökonomischen und sozialen bis feministischen Zusammenhängen sind.

In der für Wien konzipierten Ausstellung „Les Salons Paléolithiques“ vermischen sich Vergangenheit und Gegenwart und aus der zeitlichen Überschichtung und den Bruchstellen entsteht möglicherweise eine Zukunftsvision. Joëlle Tuerlinckx beschäftigt sich sehr wohl mit den großen Themen und Handlungen unseres Daseins, aber sie formuliert ihre Fragen mehrheitlich unpathetisch emanzipatorisch. Nur ein Beispiel: Obwohl ihre Arbeit „NOTHING FOR ETERNITY“ sofort wie ein Eyecatcher hervorsticht, ist sie nur ein verzweigter und weiß bemalter Ast. Sie kann sowohl einen formalen, architektonischen Eingriff bedeuten, als auch eine griffige Anspielung auf die Geschichte Österreichs sein, in der Hirschtrophäen, Jagen und das Wild eine lange Tradition besitzen. Auf die Gegenwart bezogen kann man den weißen Ast als die Y-Form des männlichen Chromosoms deuten, der sich wie in einem Auflösungsprozess präsentiert. Es macht Spaß, sich auf solche versteckte Inhalte der Künstlerin einzulassen.


Tipps

 

Galerie nächst St. Stephan
1010 Wien, Grünangerg. 1/2
Tel: +43 1 5121266
Fax: +43 1 5134307
email: galerie@schwarzwaelder.at
http://www.schwarzwaelder.at
Öffnungszeiten: Mo-Fr 11-18, Sa 11-16 h




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Galerie nächst St. Stephan
Joëlle Tuerlinckx - Les Salons Paléolithiques

14.01.2017 bis 25.02.2017

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