Fassadenreste

Nina Schedlmayer, 19.12.16

Das Lächeln ist breit. Stolz wird der neue Plan fürs Foto drapiert. Die drei Politiker – Landtagspräsident, Kulturlandesrat, Bürgermeisterin – schienen zufrieden und happy, als sie unlängst die adaptierten Entwürfe für das Kulturzentrum Mattersburg (KUZ) der Presse präsentierten.

Man fragt sich nur, wieso. Denn erstens wird das Projekt, das einen weitgehenden Neubau vorsieht, um ein mehrfaches teurer werden als die Erhaltung des coolen brutalistischen Gebäudes aus den 1970er-Jahren kosten würde – hier stehen, das muss man sich mal vergegenwärtigen, 10 gegen 2,6 Millionen Euro. Zweitens killt man eines der wenigen in Österreich noch erhaltenen Werke in diesem einzigartigen Stil. Und drittens zeigte man, wie viel man tatsächlich von Bürgerengagement und Expertenmeinungen hält: nämlich wenig. Der Obrigkeitsstaat sind, das zeigte sich hier wieder einmal, die Initiativen der Zivilgesellschaft herzlich egal.
Jeder Mensch, der nur irgendwas mit Kunst oder Architektur am Hut hat, hätte sich eigentlich freuen müssen, als sich 2014 die Gruppe „Rettet das Kulturzentrum Mattersburg“ bildete. Denn der Brutalismus ist an sich nicht besonders mehrheitsfähig. Umso bemerkenswerter also, dass die Mattersburger ihr Betonmonster offenbar liebgewonnen haben – und sich in ihrer Freizeit durch Planmaterial und Bescheide wühlen.

Obwohl der Bescheid des Denkmalamts die künstlerischen und historischen Qualitäten des KUZ würdigt, kommt es leider zu dem Schluss, dass das Ding eigentlich in weiten Teilen abgerissen werden kann. Nur die augenfälligsten Außenwände sollen, man glaubt es kaum, erhalten bleiben, „funktionslose Fassadenreste“, wie der Architekt des KUZ, Herwig Udo Graf, zu Recht schimpft. Als wäre Architektur nicht Raum, sondern Bild. Egal, dass viele wichtige Stimmen – von Oliver Elser, Kurator am Deutschen Architekturmuseum über Dietmar Steiner (AZW) bis hin zum Theoretiker Otto Kapfinger – die vollständige Erhaltung des KUZ einmahnten. Und das Gutachten, das, wie zu vermuten ist, ebenfalls zu dem Schluss kam, das Gebäude stehen zu lassen? Es steht unter Verschluss, die Autoren werden vom Eigentümer (also der landeseigenen BELIG) mit rechtlichen Schritten bedroht, sollten sie dieses publizieren.

Geld zu verschleudern und gleichzeitig Kulturgut zu vernichten: Das muss man erst einmal schaffen. Im Burgenland scheint es ganz gut zu glücken.

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Eine Auswahl von Fotos des Kulturzentrums findet man auf der Website von #SOSBRUTALISM

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