Jahresrückblick 2016

Rainer Metzger, 16.12.16

Motto: „Suche die Einfachheit und misstraue ihr“ - Alfred North Whitehead



Lawrence Weiner, Ausstellungsansicht Galerie Hubert Winter 2016. © Bildrecht, Wien 2016

Ausstellungsinstitut des Jahres
Die Wiener Secession. Ganz ohne kuratorischen Popanz leistet der Vorstand der Secession hervorragende Arbeit. Vija Celmins, Thea Djordjaze, Francis Alys etc. stehen für Avanciertheit, ohne abzudriften in die marginalen Diskurse, wie sie an Orten, die nicht den Besucherzahlen verpflichtet werden, üblich sind. Künstler stellen Künstler aus: Entgegen der historischen, schon im 18. Jahrhundert etablierten Meinung, dass das nur unter schwersten Verrenkungen möglich ist, zeigt die Secession sie und sich in wunderbarer Balance.

Mittelmaß des Jahres
Die Wiener Albertina. Nichts geht mehr. Der Blockbuster klemmt, die Originalität tritt auf der Stelle, und um zu retten, was zu retten sein soll, übt man sich in Wiederholung. Heute noch ein van Gogh und morgen noch ein Dürer: So sieht die Enzyklopädik eines Hauses aus, das über eine der bedeutendsten Sammlungen der Welt verfügt.

Aufsteiger des Jahres
Oliver Laric. Noch einer aus dem 2016er Katalog der Secession. Mit seinen 3D-Scans vollzieht er Kunstgeschichte nach, indem er sie für die Gegenwart zitiert, appropriiert, aktualisiert. „Staging a picture“, heißt es bei Douglas Crimp, ist die Option. Eben das passiert bei Laric. Und für den Relaunch des „Kunstforum international“ lieferte er das Cover-Motiv.

Künstler des Jahres
Lawrence Weiner. Zur „Curated By“-Sause der Exponent von Hubert Winter. Im Moment Rundum-Gestalter des Kunsthauses Bregenz. Angekommen im Herbst des Lebens zeigt sich Lawrence Weiner in alter Frische. Ganz buchstäblich verleiht er der Kunst ihre Sprache.

Ausstellung des Jahres in einem öffentlichen Forum
Postwar“ im Münchner Haus der Kunst. Um es zu wiederholen: Okwui Enwezor legt die Summe seiner biografischen, intellektuellen und politischen Bemühungen vor – mit einer Zusammenschau, die die Nachkriegswelt der Kunst tatsächlich von allen ihren Kontinenten her beleuchtet.

Ausstellung des Jahres in einer Galerie
Clegg & Guttmann bei Georg Kargl. Porträts von Figuren des Betriebs, allesamt aus dem Jahr 2015, angereichert mit einem Blick in den Spiegel, 1988 geworfen, begleitet von einem - wie das Künstlerduo schlechterdings selber - blutjungen Fareed Armaly. Clegg und Guttmann gehen Back to the Roots, als sie im Geist der 80er das fotografische Vis-à-vis als Simulation zu entlarven suchten.

Flop des Jahres
Völlig unverständlich ist mir der Hype um Edmund de Waal. Seine prätentiöse Schreibe, die auch von Biografismen nicht gerettet werden kann, seine nicht weniger prätentiöse Majolika, die sublim tut, aber sich im Ausloten von Geometrie erschöpft; und jetzt auch noch zwei Ausstellungen, die ihn in den Mittelpunkt rücken. Im Kunsthaus Graz darf er sich zu seinem gehörigen Nachteil neben Klassiker wie Picasso und einem in punkto Prominenz noch nervigeren Ai Weiwei rücken. Im Kunsthistorischen Museum hat er eine Auswahl aus den Beständen ins Kabinett gestellt, die zeigt, dass das Fade seit Friedrich Schlegel ein Bestandteil des Interessanten sein kann, es aber nicht sein muss.

Kurator des Jahres
Chris Dercon. Wer sonst. Gerade ist in der „Süddeutschen Zeitung“ schön gezeigt worden, wie die Figur des hochgerüsteten, sich zu Charisma aufspielenden, ganz Führerfigur abgebenden Theater-Intendanten in der Nazi-Zeit geprägt wurde. Jetzt planen sie in Berlin mit Chris Dercon, dem Kurator, tatsächlich eine Alternative. Großes Geschrei erhebt sich dagegen, denn die autoritäre Gestalt an der Spitze ist eben doch attraktiver. Bevor er sich noch beweisen kann, zeigt Dercon schon einmal, wieviel Rechtspopulismus im Kulturbetrieb steckt.

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