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The Age of Experience: Glänzende Perfektion

Es ist eines jener raren Projekte, die unmittelbar das Gefühl vermitteln, im 21. Jahrhundert angekommen zu sein. Gemessen an den technologischen Standards zumindest. Aktuelle Medienkunst, deren experimentelle Vorgangsweise an vielen Stellen die vordersten Bereiche algorithmisch basierten Arbeitens berühren. Das fasziniert einfach.

Die 3D-Print Skulptur des Tobias Klein hat mit ihrer Höhe von einem halben Meter eine enorme Präsenz. Für dieses schimmernd auratische Werk, das organisch wirkt und zugleich wie aus der Science Fiction hat Klein die Daten aus unterschiedlichen Vanitas-Darstellungen der Kunstgeschichte verarbeitet. In unmittelbarer Nähe zwei großformatige Lentikular- oder Rasterlinsendrucke, die fast in den Raum heraus zu schweben scheinen.

Viel Kunstgeschichte verbirgt sich auch in der Arbeit von Max Hattler (HEAVEN AND HELL 2010). An der Oberfläche in Lichtspiel wie in Las Vegas vielleicht. Auf zwei großen Screens nebeneinander. Das digital in Bewegung versetzte Bildmaterial stammt größtenteils aus dem Œuvre des 1954 verstorbenen Art Brut Künstlers Augustin Lesage. Himmel und Hölle. Man muss nur wissen woher, um die öde Techno-Ornamentik der End 1990er zu überschreiten.

Schnell wird evident, dass die Kunst hier durchwegs auf klare visuelle Botschaften hin zugeschnitten ist. Nach Karrierestart in London steht Julian Lee weit oben auf dem Kunstbuchmarkt für Arbeiten im Genre der männlichen Aktfotografie. Mit einem Hauch von Glam und erotisierten Existenzialismus. Anknüpfungen an die Kunstgeschichte haben ihren Ursprung bei Ingres, Caspar David Friedrich oder Edvard Hopper. Lee lehrt an der School of Creative Media der City University of Hongkong. Von dieser, 1994 gegründeten Institution of Excellence kommt die Ausstellung; konzipiert von Harald Krämer. Dementsprechend handelt es sich um eine Leistungsschau mit Fokus auf den aktuellen output. Dass auch Jeffry Shaw’s THE LEGIBLE CITY (1989—1991) zum Durchfahren einer virtuellen Stadt als historisches Werk ausgestellt ist, hängt einfach damit zusammen, dass der australische Pionier der Medienkunst in Hong Kong eine Professur innehat.

Ein Querschnitt also, der viele Herangehensweisen umfasst, wenn Eugene Zhang Xun etwa eine Foto-Serie dem neuen Androgynen mit Life Style Erotik widmet oder Maurice Benayoun eine von Themen der Kunstgeschichte inspirierte Duftserie herstellt. Die Flüchtigkeit im Olfaktorischen steigert sich in der Nebelprojektion von Lam Miu Ling und Yu Ka Ho. Ins Poetische transformierte Sujets scheinen da auf: ein Boot oder ein Leuchtturm. Fast so, als würden sie sich gleich materialisieren.

Die in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong präsenten gesellschaftspolitischen und ökonomischen Spannungen klammert diese Ausstellung nicht ganz aus. Einige Werke enthalten verklausulierte Verweise: TWO SYSTEMS von Tomás Laurenzo, eine Video-Arbeit, deren Bilder sich wie Vorhänge beiseite schieben lassen, verwendet Tonmaterial aus der studentisch angeführten demokratischen Umbrella-Revolution. Lee Kai Chung nimmt in THE HISTORY OF RIOTS (THE COMMODITY) mit einem zeichenhaften Megaphon Bezug auf die gewaltsamen Arbeitskämpfe 1967.

Insgesamt jedoch transportiert sich das Projekt als ästhetisches Flagship einer Megacity der technologischen Avant Garde. Deren Substanz gebende Narrative kommen aus der europäischen und amerikanischen Kunstgeschichte. Der Ausstellungstitel entstammt dem Bereich der Wirtschaft, wo gängige Unterteilungen zwischen Age of distribution oder Age of information an Hand verschiedener Multis wie Ford, Google oder Amazon getroffen werden. So besehen korreliert die technisch so perfekt wirkende Ausstellung mit Dynamiken, die wirtschaftliche Hegemonie anstreben: eine riskante Gratwanderung. In dieses Dilemma aber gerät Medienkunst immer wieder, sofern sie sich nicht konsequent auf Open Source Solutions bekennt oder gar – die Apparatewelt kritisch hinterfragend – aus dem trashigen Home Labor kommt. Das wäre die Tendenz am anderen Ende der Parabel. Trotzdem: ein hoch faszinierendes Projekt. Es ist schon okay, sich der suggestiven Kraft und der Professionalität mancher der Arbeiten hinzugeben. Doch ein wenig sicherer würde man sich fühlen, und besserer orientieren könnte man sich, wenn der so positive visuelle Eindruck durch umfangreichere Werkbeschriftungen ergänzt worden wäre. Mit einer A4 Seite für 55 Werke von 32 KünstlerInnen wurde ein neuer Gipfelpunkt verbaler Sparsamkeit erreicht.
A n s c h a u e n sollte man die Ausstellung in jedem Fall, jedoch ist Eile geboten, die Ausstellung schließt am 20. Dezember.

The Age of Experience
02 - 20.12.2016

Angewandte Innovation Laboratory
1010 Wien, Franz Josefs Kai 3
Email: info@ailab.at
http://www.ailab.at

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