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Der ewige Faschismus

In den Wochen, da man den 50. Jahrestag der Befreiung Europas vom Nazi-Terror beging, also im Frühjahr 1995, hielt Umberto Eco eine Vorlesung an der Columbia University in New York. Eco, Jahrgang 1932, erinnerte sich an den Jungen, der 1943 erstmals eine Vielzahl an Zeitungen vorfand und nicht die Einheitspresse, und der beeindruckt war von dem dunkelhäutigen Soldaten mit den guten Manieren, dem alle 1945 schön taten. Und Eco stellt sich die Frage, warum man die totalitären Umtriebe, die aus dem Boden hervorgequollen waren, bevor sie in den Weltkrieg mündeten, irgendwie auf den Begriff „Faschismus“ bringt. Warum nicht „Falangismus“, nicht „Ustascha“ und nicht einmal „Nationalsozialismus“? Warum also die Benennung nach der italienischen Variante?

Als historische Antwort findet Eco die folgende: „Der italienische Faschismus war zweifellos eine Diktatur, aber er war nicht durchgehend totalitär, nicht wegen seiner Milde, sondern wegen der philosophischen Schwäche seiner Ideologie“. Der italienische Faschismus war, könnte man sagen, schwammig (Ecos englischer Begriff ist „fuzzy“). Genau das machte seinen Begriff attraktiv für die Zuteilung zu allerlei Phänomenen, die sich mit ihm verbinden. Und zwar bis heute. Denn es gibt einen „ewigen Faschismus“, einen transhistorischen, übergeschichtlichen, als politische Mentalität funktionierenden. Den zweiten Teil seines Vortrags verbringt Eco nun damit, diesen „Eternal Fascism“ oder „Ur-Faschismus“ zu umschreiben. Er findet 14 Merkmale. Ich nenne sie im Folgenden bzw. nehme ein Zitat aus dem jeweiligen Abschnitt, wenn es mir zusätzliche Prägnanz zu liefern scheint.


Hitler und Mussolini in Venedig 1934. Bildnachweis: Library of Congress, Bild: Istituto Nazionale Luce

1. Kult der Überlieferung
2. Ablehnung der Moderne
3. Kult der Aktion um der Aktion willen: „Denken ist eine Form der Kastration. Darum ist Kultur suspekt, sobald und soweit sie mit kritischen Haltungen identifiziert wird. Mißtrauen gegenüber der intellektuellen Welt war stets ein Symptom des Ur-Faschismus“.
4. „In der modernen Kultur preist die wissenschaftliche Gemeinschaft den Dissens als ein Mittel zur Vermehrung des Wissens. Für den Ur-Faschismus ist Dissens Verrat.“
5. „Der Ur-Faschismus wächst und sucht sich Konsens, indem er die natürliche Angst vor dem Andersartigen ausbeutet und vertieft … Daher ist der Ur-Faschismus per definitionem rassistisch.“
6. Appell an die frustrierten Mittelklassen
7. Obsession einer Verschwörung
8. „Die Anhänger müssen sich vom offen gezeigten Reichtum und der Stärke ihrer Feinde gedemütigt fühlen … Die Anhänger müssen jedoch auch überzeugt sein, daß sie die Feinde besiegen können. So kommt es, daß die Feinde durch eine ständige Verlagerung des rhetorischen Brennpunkts gleichzeitig zu stark und zu schwach sind.“
9. Armageddon-Komplex: „Da die Feinde besiegt werden müssen und können, muß es einen Endkampf geben, nach dem die Bewegung die Weltherrschaft antreten wird. Eine solche 'Endlösung' impliziert jedoch eine anschließende Zeit des Friedens, ein goldenes Zeitalter, das im Widerspruch zum Prinzip des permanenten Krieges steht. Keinem faschistischen Führer ist es gelungen, diesen Widerspruch zu lösen.“
10. Gefühl einer Massenelite
11. Erziehung zum Heldentum
12. „Machismo (der nicht nur Frauenverachtung bedeutet, sondern auch Ablehnung und Verurteilung aller nicht zum Standard gehörigen Sexualgewohnheiten, von der Keuschheit bis zur Homosexualität)“
13. Qualitativer Populismus: „In Demokratien haben die Bürger individuelle Rechte, aber politischen Einfluß können sie nur gemeinsam unter einem quantitativen Gesichtspunkt ausüben – die Mehrheit entscheidet. Für den Ur-Faschismus dagegen haben Individuen als Individuen keinerlei Rechte, während das 'Volksganze' als eine Qualität begriffen wird, eine monolithische Einheit, die den gemeinsamen Willen aller zum Ausdruck bringt … In unserer Zukunft bietet sich ein TV- oder Internet-Populismus an, bei dem die emotionale Antwort einer Gruppe ausgewählter Bürger als 'Stimme des Volkes' präsentiert und akzeptiert werden kann.“
14. Newspeak nach dem Modell von Orwells „1984“: „Wir müssen uns bereit halten, auch andere Formen von Newspeak zu identifizieren, selbst wenn sie die unschuldige Form einer populären Talkshow annehmen.“

Soweit Eco im Jahr 1995. Sein Fazit: „Das Leben ist nicht so einfach. Der Ur-Faschismus kann in den unschuldigsten Gewändern daherkommen. Es ist unsere Pflicht, ihn zu entlarven und mit dem Finger auf jede seiner neuen Formen zu zeigen – jeden Tag, überall in der Welt.“

Dem ist von meiner Seite her nichts hinzuzufügen.

Auszüge aus: Umberto Eco, Vier moralische Schriften, übersetzt von Burkhard Kroeber, München: Hanser 1998, S. 22 – 43.

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