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Roman Pfeffer - Helix Deconstructor: Vom Fliegen

Eine bizarre, wenngleich elegante skulpturale Installation füllt die MQ ART BOX. 1972 war das nunmehr fast abstrakte Gebilde noch als stolzes Achter Sportruderboot im Einsatz bei der Olympiade für die österreichische Mannschaft gewesen – bevor es 2014 Roman Pfeffer in die Hände fiel und seither mehrere Metamorphosen durchläuft.

Das ehemalige Holzboot maß 17,5 Meter und bestach den Künstler in seiner plastischen Qualität. Die annähernd symmetrische organische Struktur war für höchste Geschwindigkeit im Wasser bestimmt. Pfeffer enthob es seinem ihm eingeschriebenen System und stellte es auf den Kopf – auf seinen eigenen Kopf und hielt es in den Wind. Er tauschte das Wasser gegen die Luft. Mit Hilfe einer eigens entwickelten Konstruktion transformierte er das Boot in einen Propeller. Die vormals zielgerichtete Bewegung des Wettkampfboots wurde im Kreis gedreht, das Zentrum bildete des Künstlers Kopf. Symbolik und Humor verbinden sich zu einem absurden Schauspiel in der Landschaft des Wiener Praters. Brain Twister (Autogyrocopter) ist der Titel der Aktion von 2015, die auf dem Video, das ebenfalls in der MQ ART BOX zu sehen ist, festgehalten ist und das den darauffolgenden Prozess andeutungsweise vorwegnimmt. Denn schon im Video Rotor sind die Ansichten des kreisenden Bootes fragmentiert wiedergegeben und diese als vier gleich große Teile synchron rhythmisch gegeneinander geführt.

In Folge hat Roman Pfeffer sein Boot in 16 Teile zerschnitten, Schnittkanten eingefügt und die einzelnen Segmente versetzt zusammengefügt, sodass sich die langgestreckte Form zu einer gedehnten Spirale schraubt. Als Helix Simulator stellte er das generierte 8er Ruderboot 2015 in der Galerie im Taxispalais in Innsbruck aus. Aufgrund der immer noch beachtlichen Länge von 16,6 Metern musste es deren architektonischen Grenzen trotzen und ragte aus dem Ausstellungsraum heraus, den Eintretenden entgegen, die sich in der Türöffnung an ihm vorbeischieben mussten.

In der MQ ART BOX, kuratiert seit 2014 von Elisabeth Melichar, muss sich die Skulptur den gläsernen Wänden beugen. Zerlegt in zwei Teile ist sie teils hängend, teils liegend den Ausmaßen des Raumes eingeschrieben: Helix Deconstructor, nicht nur das Boot, auch die kunstvolle Spirale ist dekonstruiert.

Die Zersplitterung der ursprünglichen Gestalt in 16 Segmente ist nicht willkürlich oder ästhetisch motiviert. In ihr bündelt Roman Pfeffer seine langjährige Auseinandersetzung mit den Prinzipien des Künstlers Paolo Uccello, der im Florenz der Frührenaissance anhand einer schmückenden runden Kopfbedeckung, dem sogenannten Mazzocchio, die Gesetzmäßigkeiten von Geometrie und Perspektive erforschte. Wie Uccellos Mazzocchio ist das Boot in 16 exakt gleich lange Teile zerschnitten, nur ist Roman Pfeffers Ziel nicht der Kreis, sondern die Spirale, die sich ins Endlose schrauben könnte, wenn nicht das Boot das materielle Ende definieren würde. Eine graphische Darstellung von Uccellos Mazzocchio ist auf transparenter Folie an der gläsernen Front der MQ ART BOX wiedergegeben. Das rhythmische Geräusch des Ruderns im ehemaligen Boot begleitet akustisch die Installation. Mit dem ebenfalls ausgestellten Video Brain Twister (und dem an der Außenhaut der Box angebrachten Flyer, der den Zustand als Helix Simulator in Innsbruck darstellt) ist der Entstehungsprozess des Helix Deconstructor in der MQ ART BOX aufs Knappste komprimiert und zugleich seine Vieldeutigkeit transparent gemacht.

Das ursprüngliche äußere System, der Kontext im Wasser, als auch die innere Systematik, die Form des Bootes, die der Höchstleistung und Geschwindigkeit verpflichtet war, ist gesprengt und nach andersartigen, scheinbar übergeordneten Gesetzmäßigkeiten strukturiert. War dies in Innsbruck schon der Fall, so ist nun durch die Zweiteilung und teilweise Hängung des Objekts in der gläsernen Box das immanente aktive Beschleunigungspotenzial endgültig gestoppt und zu einer objekthaften Anschaulichkeit eingefroren. Tatsächlich sind beide polare Prinzipien präsent, souveräne Abstraktheit reiner Mathematik und perfekte organische Form halten sich in einem dialektischen Stillstand.

Roman Pfeffer - Helix Deconstructor
07.12.2016 - 02.03.2017

ArtBox im MQ
1070 Wien, Museumsquartier
Öffnungszeiten: 0-24 h

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