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Re-Entry

Rainer Metzger, 16.11.16

Der Leitgegensatz der Dialektik der Aufklärung ist der von Emanzipation und Instrumentalisierung. Das eine, besagt er, ist ohne das andere nicht zu haben. Fortschritt bestünde nun darin, dass sich in einem steinigen wie stetigen Prozess, der von Rationalität, Pluralität, Liberalität angetrieben wird, die Emanzipation mehr und mehr durchsetzt. Instrumentalisierung ist dann eine hintergründige Drohung, doch sie wird gebannt. Was aber nun, wenn man die Instrumentalisierung hinnimmt und gerade sie zum Emanzipationsfaktor macht. Wenn Frauen sich für den Sexisten, dessen Grapschereien dokumentiert sind, Arbeiter für den Milliardär, der den Reichen die Steuern ersparen will, oder Zeitgenossen, deren Haushalte schon längst nicht ohne migrantische Hilfen funktionieren, für Chauvinismus stark machen. Einfach deswegen, um sich zur Geltung zu bringen.

Ein anderer Leitgegensatz moderner Entwicklung wäre der von Befreiung und Ressentiment. Was aber, wenn das Ressentiment als Motor für die eigene Befreiung genommen wird. Wenn das Einklagen eines Rechts auf Dämlichkeit als demokratiefördernd verstanden wird. Wenn im allgemeinen der Generationenkonflikt von jung und alt das Altsein als Kalkül herhält, um den Jungen ihre Karrieren zu verbauen. Wenn im allgemeinen politischen Konflikt von links und rechts linke Positionen wie Skepsis gegenüber der Globalisierung den Rechten in den Hände spielen. Wenn im allgemeinen Konflikt von Kultur und Politik die kulturelle (und gar nicht einmal die ökonomische) Zurückgebliebenheit als Maßstab des politischen Status Quo genommen wird.

Dann findet Re-Entry statt. Der Begriff stammt von dem englischen Logiker George Spencer Brown, der ihn 1969 in seinen „Laws of Form“ prägte. Verbreitet hat ihn Niklas Luhmann, der mit seiner Hilfe seinen speziellen Paradigmenwechsel vollzog, als er von der System-Umwelt-Differenz, die sein Denken bis dato geprägt hatte, in den Achtzigern auf die Ordnung der Beobachtungen umschwenkte. Re-Entry spielt dabei eine wichtige Rolle. Es meint den Wiedereintritt eines Unterscheidungsfaktors in eine vollzogene Unterscheidung. Um Luhmanns „Die Kunst der Gesellschaft“ von 1995 und dabei unser einschlägiges Beschäftigungsgebiet zu nehmen: Der Leitgegensatz von Allgemeinen und Besonderen findet in der Kunst seinen Wiedereintritt in der Diktion, Kunst suche das Allgemeine im Besonderen. Oder, entsprechend: Sie suche das Geistige im Sinnlichen. Oder das Unsichtbare im Sichtbaren.

Re-Entry: Gerade erleben wir auf niederschmetterende Art den Wiedereintritt des längst in den Weiten des Weltraums Vermuteten in unseren Orbit. Sogar von der notorischsten aller Auflösungen eines Gegensatzes wird wieder geraunt, der Rückkehr des Klassenkampfs als Rassenkampf. Der Re-Entry ist abrupt, und er ist himmelschreiend konkret. Die Kybernetik wird uns jetzt nicht weiter helfen.

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