Konzeptuelle Poesie

Roland Schöny, 12.12.16

Merkbar verlangsamt sich hier der Rhythmus der Zeit. Dies bewirkt die Art der Fotografie, und deren behutsame Annäherung an ein Wien, das vielerorts noch still zu stehen scheint. Viele der Bildserien umkreisen ihr jeweiliges Thema, indem sie kleine Episoden erzählen. Sie greifen einzelne Objekte oder Schausituationen heraus, um Geschichten zu skizzieren. Die Bilder führen durch jenes Wien, dessen Gasthäuser noch so etwas wie authentisches Lokalkolorit hatten.

Sie zeigen zusammengeklappte Wägen und Marktstandeln auf dem Wiener Brunnenmarkt; noch vor deren Erneuerung durch ein vereinheitlichendes gestalterisches Konzept. Einige Bilder führen ins Naturhistorische Museum. Andernorts und biografisch etwas später tritt der Künstler-Fotograf selbst als Performer in Erscheinung: Wenn er etwa in roter Bluse und mit Glaceehandschuhen, fast ein wenig nobel wirkend, Werke in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste entstaubt.

Wahrscheinlich kommt es für viele zur Erstbegegnung mit dem Œuvre Peter Dresslers. Zumindest in diesem Umfang gab es noch keine Schau des 2013 verstorbenen Fotokünstlers und Filmemachers, der 1942 in Bra?ov (Kronstadt), Rumänien geboren, in Wien an der Akademie studiert hat, wo er später auch mehrere Lehrtätigkeiten ausübte.

Weil Dressler einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt sein dürfte, war es gar nicht so unpassend, dass dessen Retrospektive »Wiener Gold« im Kontext des VIENNA ART WEEK Mottos »Seeking Beauty« eröffnet worden ist. Die Arbeiten Dresslers heben durchaus das Abgründige hinter der Oberfläche des Schönen hervor. Immer wieder mit einem Tupfer Ironie. In vielen seiner fotografischen Szenarien baute Dressler – sehr eigenwillig – einen kleinen Terrier-Hund ein. Anfang der 1970er-Jahre fotografisch konserviert, hatte er das Hundebild als Fotoprint auf Pappe aufgezogen.

Doch weder wirkt das Hündchen besonders witzig, noch hinterlassen die Fotografien des Peter Dressler irgendwo den Eindruck des Spektakulären. Vielmehr regen die einzelnen Werke und Serien Dresslers so nach und nach dazu an, sich für deren formale und grammatikalische Qualitäten zu öffnen. Dressler hatte zwar oft erklärt, dass für ihn der Zufall eine wichtige Rolle spiele, doch wich er dem Beiläufigen stets aus. Er versuchte die von den Dingen evozierte Narration vorsichtig zu verstärken und sie im Kontext größerer Zusammenhänge zu zeigen; in jenem der Stadt etwa, in jenem des Privaten oder im Universum von Sammlungen.

All das zusammen erzeugt vielleicht jenen eigentümlichen Eindruck, der beim Besuch der Ausstellung entstehen kann. Stellenweise entsteht eine enorme Nähe durch die Vielzahl der Wien-Motive, die nur allzu leicht ins Klischeehafte überspringen könnten. Bilder alter Gasthäuser und überhaupt jene der Tristesse der 1970er Jahre wären prädestiniert dazu. Zugleich wird evident, dass Dressler neben diesem dokumentarischen Aspekt sehr an der formalen Dimension der Fotografie interessiert war. Streng wirken seine Bilder trotzdem nicht. Denn es gefiel ihm, übliche Bedeutungshierarchien anzustoßen, oder sie zu verdrehen. Deshalb vielleicht das eigenartige Papphündchen.

Konzeptuell war Dressler von dem (ebenfalls aus Kronstadt stammenden) ungarisch/französischen Fotografen Brassaï beeinflusst, der mit den französischen Surrealisten zusammengearbeitet hat. Dass Dressler 1975 bis 1978 gemeinsam mit dem fotorealistischen Maler Franz Zadrazil den Schwarzweiß-Film »Sonderfahrt« als assoziativ aufgebautes audiovisuelles Mosaik von Wien Bildern realisierte, der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist, zeigt die mediale Offenheit des Künstlers. Einen wirklichen Wandel vollzog er jedoch erst, als er begann, in den Bildern selbst performativ aufzutreten.

Es bietet sich eine tendenziell ruhige, in zahlreichen Momenten poetische und in jedem Fall sehr sehenswerte Ausstellung eines Künstlers, der nie so ganz im Rampenlicht stand und erst jetzt, posthum in ganzer Breite wahrgenommen werden kann. Kurator Rainer Iglar entfaltet Dresslers Werk in Zusammenarbeit mit Christine Frisinghelli und Michael Mauracher spannend und aus sich heraus erzählend. Der gemeinsam von Fotohof Salzburg und dem KUNST HAUS WIEN edierte Katalog ist auch deshalb ein Stück Zeit- und Kulturgeschichte, weil er auch Faksimiles bereits veröffentlichter Beiträge enthält. Insgesamt eine Ausstellung, die im besten Sinn beweist, dass es nicht immer notwendig ist, mit schillernden Namen im Programm nach der Quote zu schielen. Vielmehr bietet ein sorgfältig aufbereitetes Projekt die Möglichkeit, einen spannenden Teil der Kunstgeschichte aus der unmittelbaren Umgebung kennen zu lernen.


Tipps

 

Kunst Haus Wien
1030 Wien, Untere Weißgerberstraße 13
Tel: +43 1 712 04 95 0
Fax: +43 1 712 04 94
email: office@kunsthauswien.com
http://www.kunsthauswien.com
Öffnungszeiten: täglich 10 - 19 h




endline

 

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

Werbung 300
Linie 300

Kunst Haus Wien
Peter Dressler - Wiener Gold

16.11.2016 bis 05.03.2017

Linie 300
versenden  Artikel versenden
versenden  Artikel teilen Facebook, Twitter, Google+
versenden  Artikel drucken
Linie 300

Werbung 300