Die Aneignung der Sinnlichkeit

Matthias Kampmann, 14.11.16

Es gab einmal eine Zeit, die sich Postmoderne nannte. Sie erlöste von der naiven Einzelwerkbetrachtung und brachte Kunstwerke hervor, die durch ihre multiplen Referenzebenen außerordentlich dazu beitrugen, dass sich die Institution, aber auch das System Kunst als Ganzes besser verstand. Als Couglas Crimp 1977 in New York die Ausstellung "Pictures" kuratierte, reüssierte Sherrie Levine und wurde fortan der so genannten "Appropriation Art" zugerechnet. Und vielleicht war damals das Zitat das wichtigste Medium, um das Neue daran unterscheiden zu können. Der Prozess des Zitierens bekam den Namen "Aneignung", im Englischen "Appropriation". Heute sind diese Strategien Künstlern in Fleisch und Blut übergegangen, und die Strenge von einst ist dem Spiel des Samples und Mash-ups in beinahe allen Produktionsbereichen der Kultur gewichen. Wer die Geschichte dieser Verfahren in der bildenden Kunst erleben möchte, begibt sich in die Ausstellung "Sherrie Levine. After All" ins Neue Museum Nürnberg. Mit Stringenz und über die bloße Kombinatorik hinaus zeigt sich ein Werk, das weder mit Abklatsch noch mit unsinnlichem Konzept etwas gemein hat.

Sherrie Levine, Jahrgang 1947, wurde Anfang der 1980er-Jahre mit einem bildnerischen Akt bekannt, der erst einmal nicht leicht zu verstehen ist: Sie fotografierte Fotografien der Ikone Walker Evans (1903-1975) und nannte ihre Arbeiten "After Walker Evans". Diese Werke bilden den Auftakt der Ausstellung. Im Zentrum etwa die Masken, die der amerikanische Foto-Großmeister 1935 für das Museum of Modern Art in New York, freigestellt wie sie sind, erstmals wie Kunstwerke inszenierte. Diese sieht man mit Verwunderung in der Reihung und unter falscher Flagge erneut. Übrigens in der Ausstellung erneut durch eine Medienschleuse gejagt. Denn Levines Nachfotografien sind mittlerweile digitalisiert worden und im hochwertigen Giclée-Printverfahren ausgedruckt. Und bis heute setzen sie die Betrachter in einen Zustand der Verwirrung. Warum macht man so etwas? Falsche Frage. Die Werkschau mit über 50 Arbeiten aus 35 Jahren, die größte der Künstlerin in Europa überhaupt, belegt – ganz neutral –, dass sich Kunst auf verschiedenen Bedeutungsebenen entfalten kann. Also was ist da passiert?

Ein Blick zurück: Es gab einmal eine Zeit, in der es üblich war, Vorläufer nicht bloß zu kopieren, sondern die Künstler versuchten, diese zu übertreffen. Das waren Ehrbezeugungen. Das Konzept nannte sich Aemulatio. Vielleicht ist es mit dem Werk Sherrie Levines ähnlich und eben doch nicht so postmodern, wie bislang beurteilt. Mit schlichtem Kopieren gibt sich die Künstlerin nämlich in keiner Weise zufrieden. Stets entsteht etwas Neues, Unerwartetes. Im Zentrum der Ausstellung umrahmen vier riesige, quadratische Wände den inneren Bereich des Wechselausstellungsraums. Auf jeder hängt ein enorm viel kleineres Aquarell. Piet Mondrian, Kasimir Malevitch, Henri Matisse oder Joan Miró: Sie alle sind Ikonen der Moderne. Doch Levine kopierte nicht vom Original. Um es noch komplizierter zu gestalten, malte sie diese nach Katalogabbildungen. In der Mitte flankieren zwei schwarze Flügel die Diagonale der Grundfläche. Auf ihnen befindet sich jeweils eine Nachbildung einer Plastik "Newborn" von Constantin Brâncu?i. Jedoch nicht in Bronze, sondern einmal in schwarzem, einmal in weißem Glas. Die Form wurde vom Original abgenommen. Die Inszenierung spricht für sich. Es ist eine Installation, die mit den Gewichtungen von Gegenstand zu Bild zu Raum in sensibler Weise spielt und alles zueinander in ein erstaunliches Gleichgewicht zu bringen versteht.

Das ist ein geradezu sakrales Setting. Sinnlicher geht es kaum. Und alle Arbeiten sprechen beredt von den verschiedenen Qualitäten der Medien, die sich im Sichtbaren spiegeln, ohne jedoch als Abklatsch zu wirken. Eines ist der Gang ins Museum und das Schwelgen vor den Farben der Großen. Das Andere ist die Reflexion in Form einer Art Wiederaufführung, die auf das System selbst verweist indem sie wiederholt, verdoppelt, ohne jedoch zombiehafte Revenanten zu erzeugen.

Sherrie Levine, in Hazleton, Pennsylvania geboren, arbeitete in 1960er-Jahren in der Werbebranche und kennt alle antiken Reproduktionstechniken aus eigener Erfahrung. Bereits 1982 nimmt sie an der siebten Documenta in Kassel teil. In ihrem Werk traf sie damals den Nerv der Zeit. In der Nürnberger Schau offeriert sie ein weites Spektrum an Auseinandersetzungen mit Vorbildern, ohne jedoch im Leisesten den Verdacht schieren Kopierens zu erwecken. Sie selbst meint, dass sie sich diesen annähere. Um sie wie in einem intellektuell-sinnlichen Metabolismus durchs Einverleiben sich anzueignen. Dabei hat Levine hintergründig die Arbeitsweisen des gefräßigen Kunstmarkts und der Fetischisierung im Blick. Das berühmte Pissoir ("Fountain", 1917) von Marcel Duchamp, der ohnehin stets Quell der Inspiration Levines ist, spricht beredt davon. In der Ausstellung steht es in hochpolierter Bronze als "Fountain (Buddha)" auf einem Sockel. Und es ist kein fiktiv signiertes, in der Fabrik produziertes Stück Porzellan. Alles erinnert, stiftet Bezüge und ist doch anders. So die "Kathedralen" von Claude Monet, die in kleinen schwarz-weißen Fotos in Serie an einer Wand hängen. Diese Erinnerungen, die dann doch so formal durchdacht sind, erwecken nicht den Verdacht von Sentimentalität, sind aber niemals ohne Sentiment.

"Es geht Sherrie Levine um die Aura", erklärt Direktorin Eva Kraus. In "Newborn" ist es so, dass sie ein Foto von einem Setting aufgefunden hatte. Es diente als Vorbild für die Inszenierung. Das Bild zeigte das Wohnzimmer von Sammlern mit der Plastik auf dem dort stehenden Piano. Diese Situation verdoppelte sie für Nürnberg, und schon wieder ereignet sich eine neue Deutungsebene. Relativiert sich alles in der Aneinanderreihung? Oder ist es nicht vielmehr eine eigene, ornamentale Sicht der Dinge? In dieser Form gezeigt, bekommen die Arbeiten eine Ausstrahlung für sich. Seien es die bronzenen Schädel aus der privaten Exotika-Sammlung von Georgia O'Keeffe, seien es Duchamps Schachbretter: Alles Sichtbare reicht über das bloße Zitat hinaus, weil die Bezüge eben vielschichtig sind und ebenso thematisiert werden und kein Eins-zu-eins praktiziert wird. Betrachtet man die aufgeräumte und klar strukturierte Schau, versteht man die Künstlerin, die meinte, sie wolle Werke schaffen, die sie selbst gern anschaue. Levine hütet sich vor dem Wort Retrospektive. "Sie spricht von Werkschau, weil ihre Arbeit noch nicht beendet ist", sagt Eva Kraus. Damit endet zum Glück auch nicht die spannende Auseinandersetzung mit der Kunst und ihrem System in diesem einzigartigen Werk der Zitate und modifizierten Nicht-Wiederholungen.


Tipps

 

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Sherrie Levine - After All. Werke 1981-2016

28.10.2016 bis 12.02.2017

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