Europa 1945 – 1968

Rainer Metzger, 24.10.16

Eine der interessantesten Denkmalkonstellationen Deutschlands findet sich in Thüringen. In diesem Bundesland liegt Weimar, daneben liegt Buchenwald, und da stehen ein KZ und ein Monument, sich daran zu erinnern. Die junge DDR hat es gepflanzt, Fritz Cremer heißt sein Schöpfer. Während des Besuchs, der sich zu einer Art Allegorie verdichtet, steigt man den Hügel hinab, und man landet im Tal der Tränen. Sodann aber geht es bergan, man arbeitet sich empor zu einem Leuchtturm, zum Licht, zur Aufklärung, und alles wird gut. In Thüringen liegt auch Bad Frankenhausen. Werner Tübke hat dort ein Panorama aufgestellt, seinerseits ein Denkmal, das an die Bauernkriege erinnert, an das Aufbegehren und den Klassenkampf, wie ihn ein historischer Materialismus schon im 16. Jahrhundert verortet. Und genau da bleibt das Geschehen auch, das Rundbild dreht sich um sich, und es gibt keinen Ausweg aus dem Rotieren der Mengen, Massen und Moloche Mensch. Cremers Werk ist 50er, Tübkes 80er Jahre. Wer ein Bild sucht für die Selbstabschaffung des Ostens, wird auf den 120 Metern der Rotunde in reichem Maße fündig.

Im Karlsruher zkm spüren sie nun einer Denkmalskonstellation nach, die diesen eigensinnigen Verlauf in der Mitte kappt. Mit schier romantischem Übermut schreiben die Kuratoren Eckhart Gillen und Peter Weibel eine Meistererzählung vom Weg der Kunst in den Fortschritt. Und wäre dies nicht enthusiastisch genug, lassen sie diesen Fortschritt auch noch 1968 kulminieren. Dann steigen sie aus. Posthistorie, Kristallisation, das Ende der Geschichte und was die Nachmoderne diesbezüglich alles an Diskursen aufgeworfen hat, bleiben ferne Katastrophen. Ausgerechnet Weibel, der Theorie-Fex, begibt sich zurück zu den Dingen, und die heißen Werke. Kunstwerke: 500 an der Zahl, das im zkm durchaus übliche Ensemble, bitten sie zum Tanz in den Frühling.

Es ist auch ein Tanz ins Tauwetter, denn sie überwinden gleich nicht weniger als den Eisernen Vorhang. Tapfer werden also Ost und West synchronisiert. Es beginnt mit der Erfahrung dessen, was Keith Lowe kürzlich „der wilde Kontinent“ genannt hat, einem Europa, dem das Homo Homini Lupus in den Ohren dröhnt. Holocaust, Bombenkrieg, Vernichtung überhaupt ist das ultimative Thema, und in einer Art Ästhetik des Widerstands sind sich rechts und links auf der europäischen Karte noch sehr nahe. Dann differenziert sich die Gemengelage ins Konventionelle, es kommt zum Informel, es kommt zu Materialbildern, es kommt zum Rausch der Geometrie in OpArt und einem neuen Konstruktivismus, es kommt zu Pop und zu jenen Fixierungen einer Konsumwelt, die buchstäblich auf den Oberflächen haften blieben. Schließlich Minimal, Conceptual, frühe Performance. All das wird unermüdlich in Parallelen gefasst, und schier zu jedem Wolf Vostell gibt es so einen Julius Koller. Wer die wackeren Ostler nicht kennt, ist dann selbst ein Revanchist. Weibels seit Jahrzehnten unternommene Beiträge zu einer Kunstgeschichte jenseits des Expressionismus finden hier jedenfalls eine starke Bebilderung.


Max Beckmann, Der Abtransport der Sphinxe, 1945, Öl auf Leinwand, 130,5 x 140,5 cm, Staatliche Kunsthalle, Karlsruhe © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Doch keine Inklusion ohne Exklusion. Vor 40 Jahren versuchte Robert Rosenblum den abstrakten Expressionismus über die „Northern Tradition“ von Friedrich – Turner – Mondrian zu erklären. Nur ja keine Franzosen durften vorkommen, irgendwie hatten sie sich das mit ihrem NATO-Austritt auch selber zuzuschreiben. Ein wenig in diesem Sinn rächt sich das zkm nach Golfkrieg, Guantanamo und Trump nun an den Amerikanern. „Eine spezielle Renaissance der europäischen Kunst und Kultur“ wird apostrophiert, doch eine Art History der Nachkriegszeit ohne die USA muss erst einmal versucht sein. Vielleicht liegt gerade darin das utopische Element der Ausstellung. Oder wenigstens das distopische.

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PS. Im Münchner Haus der Kunst zirkeln sie gerade eine Gegenposition ab. Es wird „Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945 – 1965“ gegeben. Davon dann im nächsten Blog-Beitrag.

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