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Genug im Kreis gedreht? Veränderung!

Dieser Beitrag ist der vorläufig letzte meiner Beiträge in der Serie „causerie du lundi“. Neue Aufgaben warten und neue Themen benötigen zuerst Aufmerksamkeit, bevor sich neue Texte entwickeln können. In Zukunft muss ich wohl damit rechnen, dass mir einmal meine alten Forderungen vorgelesen werden. Vor genau sieben Jahren erschien also an dieser Stelle der erste Beitrag unter dem Titel „Museumsordnungen neu. Hochgecoachte Egos und versteckte Bomben“ und auch heute – achtzig Texte später – werden wieder Reformen für die Bundesmuseen verkündet, denen es weiterhin an Egos nicht mangelt. Drehen wir uns also im Kreis? Gewissermaßen ja, doch wäre dies unproblematisch, wenn sich die Kreise dabei erweitern würden. Es war ein Anliegen dieser Kolumne ein wenig dazu beizutragen, doch auch ihr Verfasser war nicht gefeit davor, manchmal einen Tunnelblick zu entwickeln. Ein leicht zwanghafter Fokus auf große Museen gehörte dazu, ebenso wie ein Herumreiten auf einer Vorstellung von barrierefreier Teilhabe und grundsätzlicher Öffentlichkeit, die der neofeudale Betrieb zwischen Previews, Dinners, Exklusivität und imperialem Marketing bisweilen zu verlernen scheint. Nichts davon ist zurückzunehmen, doch hätte es die Perspektive wohl erweitert, hätte ich häufiger über jene vielen Orte berichtet, die mit einem Bruchteil der Mittel vorführen, wonach die Großen noch heftiger streben müssen, wenn sie die Legitimation für ihre Ausstattung auch im 21. Jahrhundert behalten wollen. Am anderen Ende dieses Tunnels widmeten wir uns gerne der Stadt und jenen öffentlichen Infrastrukturen – von den Parks zu den Bibliotheken – auf die wir dann Werte projizierten, die das engere Kunstfeld nicht immer bereithält. Ich hoffe, es wurde bemerkt, dass ich dennoch häufig in Ausstellungen zu finden war, wobei ich zugebe, dass die Kinder – ein anderer roter Faden dieser Texte – zuletzt leichter für Bäder zu gewinnen waren als für Bilder. Der Verweis auf die Kleinen gibt die Chance zu würdigen, dass die meisten Institutionen mit ihren Programmen für Kinder viele der Qualitäten – vom freien Eintritt, über die Programmierung bis zum wachen Dialog – bereithalten, die in diesen Texten auch für Erwachsene gewünscht wurden. Wir schrieben daher nicht zuletzt für eine Vorstellung von Stadt, die keinen Unterschied zwischen der Zugänglichkeit ihrer Parks und Plätze und der Offenheit ihrer kulturellen Infrastruktur macht – ganz zu schweigen davon, dass auch die Offenheit der Parks und Plätze in Zeiten ihrer Vermarktung verteidigt werden muss. Wir sind schon wieder im Tunnel gelandet, nun in der hohlen Gasse der Ökonomie, die manchen als Fluchtweg erscheint. Aus diesen Sphären erreichen den Kulturbereich dann nicht nur Ratschläge, sondern auch Emissäre, die in Vorständen, Kuratorien, Aufsichtsräten und Geschäftsführungen betonen, wie es denn „in der Wirtschaft“ üblich wäre, vor allem, wenn es darum geht, Kosten zu senken und Einnahmen zu erhöhen. Ein nicht geringer Teil der Zahlenfixiertheit, die Sie an dieser Stelle aushalten mussten, rührt aus diesen Konstellationen und aus der Erkenntnis, dass es überzeugender ist, das kulturelle Zahlenwerk, das man vor dem Zugriff „der Wirtschaft“ zu beschützen wünscht, auch gut zu kennen. Dies gilt ebenso für die Kulturpolitik und ihre in Zahlen gegossenen Werte, die wir – mit Ausflügen nach Berlin, New York und anderswohin – analysieren konnten. Ganz grundsätzlich schrieben wir für ein politischeres Verständnis von öffentlicher Äußerung, wobei ich betonen will, dass dieser Anspruch nicht an „die Kunst“ gerichtet ist, sondern an alle, insbesondere an jene, die für sich, ihre Themen, ihre Projekte und Organisationen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit in Anspruch nehmen. Nicht zuletzt richtet sich dieser Wunsch an „die Kulturpolitik“ selbst, die ja – hauptberuflich! – dazu aufgerufen wäre, Standpunkte, Programme und streitbare Thesen zu entwickeln. Auch Recht, Gesetz und Governance wurden zu Schwerpunkten dieser Zeilen, und damit neben dem Geld ein weiteres Feld, dem in der Kunst vor allem Bedeutung zukommt, wenn Defizite herrschen. Alle diese Faktoren sind Teil jener unsichtbaren Architekturen, ohne die Kunstpräsentation, -produktion und -vermittlung ebenso wenig vorstellbar wäre, wie ohne Boden, Wand und Dach. Die Konzentration Ihres Autors auf diese und andere Regelwerke erklärt sich aus dieser Überzeugung, doch sei nicht verschwiegen, dass diese Themen auch eine Nische darstellten, die sich erst jüngst – durch eine Fülle von populären Publikationen zum Backstage des Kunstbetriebs – zu bevölkern begann. Für viele dieser Fragestellungen gilt die Erfahrung, dass sowohl ökonomische Fragilität wie auch ökonomisches Privileg mächtige Zensurinstanzen darstellen. Wo der Privilegierte schweigt, um abzusichern, was ihm nützt, muss der Prekarisierte schweigen, um nicht zu gefährden, was ihm nützen könnte. Genug im Kreis gedreht! Einmal erhielt ich von einem Leser den Hinweis, ich solle „mehr loben“. Er hatte wohl recht: Enthusiasmus überzeugt oft mehr als kritische Kleinteiligkeit. Doch Lob macht sich oft verdächtig, weil es sich schnell als Hudelei darstellt, sobald man nur ein wenig hinter die Kulissen blickt. Auch Ihr Verfasser war und ist nicht frei von Abhängigkeiten. Die stärkste ist in der Kunst wohl immer die Abhängigkeit davon, Möglichkeiten zu bekommen und wahrgenommen zu werden. Das Lob und der Dank zum Abschluss soll daher Werner Rodlauer, dem Herausgeber des artmagazine, und Ihnen – sehr geehrte Leserin und sehr geehrter Leser – gelten.

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