Einraumwerkschau

Daniela Gregori, 28.11.16

Irgendwie erinnert die Situation etwas an den alten Kellner-Kalauer, in dem der Gast auf die Frage, wie er denn sein Schnitzel gefunden hätte, antwortet: „Rein zufällig, als ich eine Kartoffel zur Seite schob.“ Das sagt nichts gegen die Qualität des Dargebrachten aus, doch zu dessen Größe. Bei der Präsentation Beide Weiß von Anna Jermolaewa im 21er Haus verhält es sich ähnlich.

Irgendwo im Obergeschoss inmitten der „Sprache der Dinge“ findet man sie dann doch. Ein Raum, 11 Arbeiten, die frühesten bereits 1992 entstanden, der überwiegende Teil in den letzten drei Jahren. Auch gibt es mit „fokussierte Werkschau“ eine wunderbare Begriffskreation für derlei Ausstellungsgebaren, bei dem offen bleibt, worauf der Fokus eigentlich gelegt wurde. Es muss jedenfalls eine günstige Ausstellung gewesen sein, denn die Arbeiten sind entweder im Besitz des Belvedere oder der Künstlerin selbst. Auch das sagt nichts über die Qualität aus.

Anna Jermolaewa erweist sich als aufmerksam wie humorvolle Beobachterin von Alltag und anderen bisweilen kuriosen Situationen und Gegebenheiten. Da wären beispielsweise die Portraits der Katzen in der Eremitage, die für ihren Einsatz gegen Mäuse und Ratten seit 1745 Mitarbeiterstatus genießen. Einzig während der Belagerung der Stadt durch die deutsche Wehrmacht verschwanden die Tiere in den Kochtöpfen und verhalfen der Bevölkerung zu überleben. Auch davon erzählen die süßen Katzenportraits.

Als Langzeitprojekt angelegt ist der „5-Jahresplan“ für den die Künstlerin seit 1996 alle fünf Jahre dieselbe Rolltreppe in der St.Petersburger U-Bahn filmt. Alles scheint sich zu bewegen, alles zu verändern, dennoch bleibt über den Zeitraum von zwei Jahrzehnten alles dann doch ziemlich gleich. Und man kommt ins Grübeln, was sich in dem Zeitraum wohl an den Lebensumständen der Fahrgäste geändert hat.

Kurios mutet die Versuchsreihe an, die der Ausstellung den Titel gibt. Es geht um Experimente zur Manipulation von Menschen, wie man sie unter anderen in den 1970er Jahren in der Sowjetunion durchgeführt hat. Eigentlich, so die Ausgangsthese, wollte man mit dem Versuch zeigen, dass Menschen, die im real existierenden Sozialismus aufwachsen, widerstandsfähiger gegenüber Beeinflussungen wären. Als sich das Gegenteil herausstellte, konnte man das Ergebnis ebenso gut gebrauchen, nun für Führungskräfte, als Anleitung und Lehrstück zur Manipulation.

Jermolaewa schafft es durch schlichte, oftmals humorvolle Beobachtungen und Gesten zum Verweilen zu verführen und ehe man es sich versieht, ist man inmitten einer Materie, die weniger heiter als sotialkritisch wie politisch ist.
Wie man die Ausstellung gefunden hat? Ganz wunderbar! Leider konnte man sich nicht „satt“ sehen und es ist zu hoffen, dass diese Minipräsentation keine Institution an einer umfassenden Schau zum Werk von Anna Jermolaewa hindern wird.


Tipps

 

21er Haus
1030 Wien, Schweizergarten/Arsenal-Straße 1
Tel: +43 1 795 57-0
email: info@belvedere.at
http://www.21erhaus.at/
Öffnungszeiten: Mi-So 10-18 h




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21er Haus
Anna Jermolaewa - Beide Weiß

14.10.2016 bis 22.01.2017

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