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Brit Pop yesterday?

Raimar Stange, 04.11.16

Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt jetzt mit „This Was Tomorrow – Pop Art in Great Britain 1947 - 1968“, dass die Kunstgeschichte dieser „POPulisten“ auch heute noch durchaus aktuelle Bezüge herstellen kann.
Ein ausdrückliches Anliegen dieser großangelegten Brit-Pop-Show ist es, die gewohnte Sichtweise auf das Label „Pop Art“ zu unterlaufen, die Pop Art also nicht nur als Phänomen zu sehen, das in unkritischer Weise die moderne kapitalistische Warenkultur mehr oder weniger abfeiert. Dieses gelingt „This was Tomorrow“ - der Titel bezieht sich selbstverständlich auf Richard Hamiltons früher Pop-Ausstellung „this is tomorrow“, 1956, - zum Teil durchaus, legt die Ausstellung doch besonderen Wert auf die Präsentation von Werken, die politisch immer noch brisante Fragen wie die nach Konsumverhalten, dem Familien- und Frauenbild sowie der nach Urbanität und Öffentlichkeit im Kapitalismus nachgehen. Doch selbstverständlich kommt „This Was Tomorrow“ als Übersichtsausstellung nicht darum herum, auch Arbeiten der britischen Pop Art zu zeigen, die von einer frühen, heute naiv anmutenden Faszination an der Medienwelt, besonders der von Film und Pop Musik geprägt sind. So treten die Beatles und die Rolling Stones z. B. gleich mehrfach in dieser Ausstellung gleichsam auf, etwa in dem von Peter Blake/Jann Haworth gestalteten Albumcover für „Sgt.-Pepper Lonely Heart Club Band“ von den Beatles und natürlich in dem Cover und der Collage von Richard Hamilton, die dieser für das „white album“ der Liverpooler „Fab Four“ entwarf.

Spannend aber sind neben den allseits bekannten und wohl vollständig in Wolfsburg versammelten Ikonen des Brit Pop, zu denen sich neben den bereits erwähnten auch R.B. Kitay und Joe Tilson gesellen, vor allem die „Entdeckungen“, die man hier machen kann. Nur wenigen bekannt dürfte das Frühwerk von David Hockney sein, das wohl in der Kategorie „expressives bad painting“ einzuordnen ist. Auch Eduardo Paolozzis bahnbrechende Pop-Collagen „Bunk!“ aus den 1950er Jahren waren hierzulande noch nicht in einer so umfassenden Präsentation zu sehen. Einen Ausstellungsbesuch wert sind auch die politischen Pop-Bilder von Gerald Laing, z. B. seine Porträts der Protagonisten der Kuba-Krise, also von John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow, die unter dem Label „Souvenir“, 1962, zu einer bizarren Fratze verschmelzen. Oder da sind die Arbeiten von Colin Self, etwa sein fesch-zynischer Kriegsbomber „Leopardskin Nuclear Bomber N.1“, 1962/63, ein Pop-Objekt der witzigen und zugleich politisch-aggressiven Art. Und nicht zuletzt überraschen in der Ausstellung Pauline Botys feministische Collagen, die dem männlich dominierten Popblick den Fokus auf die „Lust der emanzipierten Frau“ entgegensetzten.

Ein Wehrmutstropfen ist leider die Ausstellungsarchitektur von „This Was Tomorrow“, die zwischen einem hehren white cube, in dem man letztes Jahr im MUMOK Pop Art aus der Sammlung Ludwig ausstellte, und einem lifestyligen Ambientdesign, wie er z. B. 2014 in der Frankfurter Schirm für die Präsentation des „German Pop“ genutzt wurde, unentschlossen hin und her schwankt. Ein absolutes „must“ dagegen ist der voluminöse, hervorragend gestaltete und mit zumeist klugen Texten versehene Katalog, der mit seinem Ladenpreis von nur 38 Euro ein echtes Schnäppchen ist.

Hinfahren!


Tipps

 

Kunstmuseum Wolfsburg
38440 Wolfsburg, Porschestraße 53
Tel: +49(0) 5361- 26690
Fax: +49(0) 5361- 266966
email: info@kunstmuseum-wolfsburg.de
http://www.kunstmuseum-wolfsburg.de
Öffnungszeiten: Di-So 11-18 h




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Kunstmuseum Wolfsburg
This Was Tomorrow. Pop Art in Great Britain

30.10.2016 bis 19.02.2017

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