Aktionismus in Kunst und Gericht

Thomas D. Trummer, 26.09.16

Otto Muehl und Peter Doig


Otto Muehl: Ölkreide auf Papier, 50 x 35 cm, 1991, Sammlung Heinz Neumann, Wien

“Das Wesentlichste am Aktionismus ist, daß er die Abstraktion überwunden hat.” Die Botschaft ist direkt und scheinbar widerspruchsresistent. Hier hat jemand genug vom Selbstbezug der Kunst und der Langeweile der Gegenstandslosigkeit. Otto Muehl ist sich seiner Sache als Bestattungsfunktionär der Abstraktion sicher. Obwohl er zu dieser Zeit rechtskräftig im Gefängnis sitzt. Mit Buntstiften zeichnet er Portraits seiner Mitinsassen und malt Kopien nach Picasso. Die meisten Bildnisse sind Überzeichnungen, in denen Gesichter hinter Aggressionen verschwinden: Selbst- und Fremdritzungen eines Pädophilen. Ein Sujet zeigt Muehls Auseinandersetzung mit den Abstrakten. Von der Ferne wirkt das Blatt wie ein orientalisches Gewebe, aus der Nähe werden die Gesichter deutlich, die hinter den Gittern - die Abstrakten hätten gesagt: dem grid - hervorlugen. Kasterlmalen in Tristesse. Dazwischen monochromes Feuermauerrot. Die Häfenbrüder danken trotzdem. Muehl beschenkt sie mit seinem Internierungs-Œuvre reichlich. Ein späterer Übersetzungsfehler im MAK bringt es mit sich, dass das Bildnis von Sigi aus Stein (bei Krems) in der englischen Ausgabe zu “Sigi made of stone” wird.



Autor unbekannt: Peter E. Doige?, Öl auf Leinwand, 1976

Bizarre Geschichten aus Gefängnissen gibt es bis heute. Ein ehemaliger kanadischer Aufseher, namens Robert Fletcher, behauptet, Peter Doig, den er im Gefängnis beaufsichtigte, hätte ihm in den 1970ern ein Bild gemalt. Das 100-Dollar Gemälde gibt es noch und Peter Doig auch. Doch gehören die beiden zusammen? Das Bild ist erwartungsgemäß harmlos. Im Vordergrund flaches Wasser, dahinter eine Wüstenlandschaft. Bäume verenden an der Kruste eines Salzsees, Kakteen sprießen in Kermit-Grün, darüber ein makelloser Himmel. Kein Aktionismus, aber auch keine Abstraktion, indes beschauliche Wildwestidylle. Peter Doig, der großartige Meister mit den punktierten Strichen, war niemals im Gefängnis. Außerdem wäre er damals erst 16 Jahre alt gewesen. Zum Glück finden seine Anwälte heraus, dass ein Mann namens Peter Edward Doige (mit einem “e”) im Gefängnis Thunder Bay untergebracht war, wo Fletcher seinen Dienst verrichtete. Er starb 2012. Nach der Auskunft seiner Schwester malte er dort auch. Das Wesentlichste an dieser abstrusen Klageschrift ist der Aktionismus. Er setzt die gegenstandslose Kunst nicht ab, wie Muehl meinte, sondern die Blüten der Jurisdiktion frei. Tatsächlich hatte der zuständige Richter eine Anhörung angesetzt. Peter Doig musste belegen, dass er vor vierzig Jahren nicht im Gefängnis saß, und auch keine Wüsten gemalt hatte. Am 24. August war der Fall, der von einem Galeristen maßgeblich betrieben wurde, nach sagenhaften drei Jahren Rechtsstreit entschieden. Doig hatte das Bild nicht gemalt. Ein gegenstandsloser Fall also, über gegenständliche Kunst und einen überhitzten Markt, der manche in diesem Feld zu aktionistischen Ganoven werden lässt, die eigentlich im Gefängnis sitzen sollten.

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