Kunst & Knete

Daniela Gregori, 11.01.17

Was benötigt es für eine gelungene Ausstellung? Einen guten Titel? Unbedingt! Eine griffige These? Womöglich! Womöglich? Nun ja, man kann sich auch dafür entscheiden, zwei höchst prominiente, völlig unterschiedliche Positionen mit ihren Ideen zu einer der ältesten Kulturtechniken gegeneinander antreten zu lassen. Im Falle der Ausstellung im Kunsthaus Graz ist es der Brite Edmund de Waal und der Chinese Ai Weiwei. Der eine sagt von sich selbst, er wäre Töpfer und in der Tat hat er das Handwerk im Westen wie im Osten gelernt, auch dessen Historie. In seinem jüngsten Buch „Die weisse Strasse“ (Zsolnay, Wien 2016) folgt er den Spuren seiner Passion wie Profession und formuliert beispielsweise feinfühlig über eine formvollendete Vase “Ein Objekt für das Gedächtnis einer Hand.“ Man muss derlei Notate mögen, ebenso wie de Waals Porzellanobjekte. Und nicht jeder, der vor einigen Jahren von den mannigfachen Weißtönen seiner Inszenierung im Theseustempel hingerissen war, findet das Dürers Traumgesicht gegenübergestellte dunkle Pendant samt schräger Auswahl an Exponaten der Depots des Kunsthistorischen Museums wirklich gut (KHM, Wien, bis 29. Jänner 2017). Auch in der Grazer Ausstellung zeigt sich de Waal mit der Installation “Irrkunst“ von seiner eher dunklen Seite. Massiv zieht sich eine schwarze Wand durch den Raum, lediglich Sehschlitze in verschiedenen -auch unerreichbaren- Höhen gewähren Einblick auf Anreihungen von schwarz glasierten becherförmigen Objekten, die sich selbstredend dem Alltagsgebrauch längst entzogen haben. Als Referenzwerke dienen de Waal jene Vertreter des Who is Who der Moderne, die sich mit Keramik auseinander gesetzt haben: Malewitsch, Picasso, Miró, Fontana und andere, ebenso wie die schlichten, nahezu archaischen Schalen von Lucie Rie und Hans Coper.

Ai Weiwei hingegen gibt sich einmal mehr als gerissener Schutzherr und Botschafter chinesischen Kultur. Tief verwurzelt in Jahrtausende alten Traditionen schöpft er Identität aus der irdenen Ware und findet im westlichen Kunstbetrieb die besten Distributionsmöglichkeiten des Fremden seiner Kultur. Mit knallig bunten Glasuren werden Jahrhunderte alte Vasen in die Gegenwart verfrachtet, die Urne aus der Han Dynastie verschmilzt mit dem Coca Cola-Schriftzug zum Sinnbild einer globalisierten Welt, der Fahrradkorb mit Blütendeckel, Alltagsobjekt schlechthin, erreicht, gegossen in Porzellan weißglänzend glasiert die höchsten Ehren als begehrtes Sammlerobjekt, ebenso wie jene zu Kleinskulpturen gewordenen Wellen, die freilich an nichts anderes denken lassen, als an Hokusais berühmten Farbholzschnitt.

Man darf die Ausstellung, mit der sich Peter Pakesch aus Graz verabschiedet, getrost als gelungen bezeichnen. Zwei momentane Weltstars des Ausstellungsbetriebes und Kunstmarktes, ein Werkstoff, der stets präsent ist, doch so selten präsentiert wird, die Thematik historisch umfassend, mit ausgewählten Belegen aus der Kunstgeschichte verhandelt. Und dann wäre da noch der Titel. „Kneaded Knowledge“ entspricht in seiner feinen Alliteration ganz vortrefflich Edmund de Waals Verständnis von Sprache und Umgang mit der genauen Kenntnis von Historie und Material, der deutsche Titel „Geknetetes Wissen“ kann da leider nur etwas hinterherhinken.


Tipps

 

Kunsthaus Graz
8020 Graz, Lendkai 1
Tel: +43/316/8017-9200
Fax: +43/316/8017-9800
email: info@kunsthausgraz.at
http://www.kunsthausgraz.at
Öffnungszeiten: Di-So 10-18, Do 10-20 Uhr




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Kunsthaus Graz
Geknetetes Wissen - Die Sprache der Keramik

25.09.2016 bis 19.02.2017

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