Spalier

Rainer Metzger, 23.07.16

Am vergangenen Montag gab es in der Süddeutschen Zeitung einen Text über Gilles Kepel zu lesen. Das Porträt erschien prominent auf der Meinungsseite platziert, in der Rubrik „Profil“, dem Pendant etwa zum „Kopf des Tages“ beim Standard. Kepel lehrt an der SciencesPo in Paris, er ist Spezialist für die arabische Welt und als solcher sehr gefragt. Kepel versucht die momentane Situation langfristig zu erklären. Die Banlieues, die französischen Vorstädte, spielen in seiner Argumentation eine wichtige Rolle, die Degradierung und Deklassierung, die sie bedeuten. Seit Afghanistan 1980, sagt Kepel, sehen wir uns nunmehr mit drei Generationen an Menschen konfrontiert, die zu allem bereit sind. Angeleitet in ihrem Kombattantentum werden sie von ihrer Religion.

Kepel hat einen ebenso prominenten Widerpart, er lehrt in Fiesole und heißt Olivier Roy. Er ist an dieser Stelle bereits vorgestellt worden (Blog vom 09.01.2015). Roys Gegenargument bündelt sich perfekt in diesem Satz: „Es geht nicht um die Radikalisierung des Islam, sondern um die Islamisierung der Radikalität“. Die Debatte zwischen Kepel und Roy war besonders nach dem 13. November 2015 virulent geworden, mit den Attentaten von Paris. Doch gerade die letzten Wochen haben diesbezüglich nachgelegt. Und letztlich Olivier Roy recht gegeben: Der Lastwagenfahrer von Nizza und der Messerstecher des fränkischen Regionalzuges hatten mit Dschihadismus nichts zu tun, bis ihnen klar wurde, dass sie es der Welt jetzt zeigen wollten. Da kamen ihnen die perversen Reinigungsphantasien des IS gerade recht. Eben weil in der Moderne Religion und Kultur auseinander gedriftet sind, sagt Roy, lässt sich derlei Enthemmtheit ausleben. Dass die Täter jung oder gleich jugendlich sind, hat wenig mit Glauben zu tun und viel mit Enthemmtheit.

Die pubertäre Marge zwischen Allmachtsobsession und dem alltäglichen Verdacht, nichts als ein kleiner Scheißer zu sein, hat nun expliziter denn je die Welt in Atem gehalten. München am Abend des 22. Juli 2016: Da dokumentiert ein Video, wie der Täter, der gleich zum Attentäter wird, noch als „Wichser“ beschimpft werden kann; und kurze Zeit darauf kondoliert ihm Barack Obama in den Suizid. München steht Spalier und lässt das öffentliche Leben zusammenbrechen. Statt fünfzig Jungfrauen geleitet eine Millionenstadt ins Paradies, so denn eines wartet. „Ein unheimlich starker Abgang“ ist ein Film betitelt, den der Münchner Regisseur Michael Verhoeven in den Siebzigern drehte. Das kann man so sagen.


Screenshot aus dem Video des mutmaßlichen Täters von München

Dabei hatte der Junge nichts von Islamisten. In dem besagten Video betont er vehement, Deutscher zu sein, in Deutschland geboren zu sein. Und psychische Probleme zu haben. Sein Idol, will dpa wissen, war der Amokläufer von Winnenden. Doch durch die Berichterstattung geistert er als „Deutsch-Iraner“. Als wenn das etwas erklärte: Das Problem ist nicht die Radikalisierung des Islam, sondern die Islamisierung der Radikalität. Dabei wollte der Bub doch nur, dass man es der Welt ansieht, wenn er sich lautstark davon macht: bei McDonalds, zusammen mit anderen Jugendlichen, die er per Facebook einlud, Freigetränk inklusive.

„Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“ heißt es in Friedrich Schillers Gedicht „Resignation“ von 1784. Das Jenseits wird nicht von der Religion organisiert, sondern vom Nachleben. Und wenn man schon nicht in die Historie eingeht, so zumindest in deren Narration. Der Bub von München hat gerade so Geschichte geschrieben. Eine herostratische Tat, und kein Verdammungsurteil wird seine Unsterblichkeit verhindern. Angeleitet von den sozialen Medien warten sie schon weltweit, ihre Bedeutungs-, Empörungs-, Hysterieblasen mit einem entsprechenden Getöse zum Platzen zu bringen.

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