Lust & Laune: Zwei Ausstellungen in der Provinz

Rainer Metzger, 04.07.16

Andreas Achenbach, Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, Baden-Baden

„Wir sehen z. B. eine Frau, welche ins Wirtshaus geht, um ihren Mann auszuzanken. Dies gibt nichts als eine Szene bissiger, giftiger Menschen. Bei den Holländern dagegen in ihren Schenken, bei Hochzeiten und Tänzen, beim Schmausen und Trinken, geht es, wenn's auch zu Zänkereien und Schlägen kommt, nur froh und lustig zu, die Weiber und Mädchen sind auch dabei, und das Gefühl der Freiheit und Ausgelassenheit durchdringt alles und jedes“: Hegel lässt in seiner „Ästhetik“ keine Gelegenheit aus, der Kunst seiner eigenen Gegenwart am Zeug zu flicken. Hier zankt er gewisse Gemälde der „Düsseldorfer Schule“, wie er sie nennt, aus, um ihnen die Aufgewecktheit von Bildern der barocken Niederländer entgegen zu setzen. Vergleicht man die Arbeiten, bleibt wenig übrig von Hegels harschem Vis-à-vis, im Gegenteil, die Malereien gehen über die Jahrhunderte hinweg ziemlich ähnlich zu Werke. Man kann es Realismus nennen oder Genre, der Blick ist von vornherein fixiert auf die Details der Unverwechselbarkeit. Es findet jeweils statt, was Hegel wunderbar so benennt: „Ein Sichbegnügen mit dem, was da ist“.


Andreas Achenbach: Strom der Zeit, Lithografie, Düsseldorfer Monathefte, 1847/48, Privatsammlung

Wirtshausbesuche inbegriffen. Im Baden-Badener Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts zeigen sie gerade Andreas Achenbach und damit das Aushängeschild jener Düsseldorfer Nachromantik, der der meisterdenkende Schwabe in Berlin so schroff alle „geistige Heiterkeit“ in Abrede gestellt hatte. Achenbach malt Marinen und Veduten, er bringt wunderbar Ast- und Wurzelwerk auf den Punkt und arbeitet sich als Karikaturist an den Umständen der Zeit ab – speziell die Ereignisse der 1848 nicht stattgefundenen Revolution spießt er auf. Und Achenbach geht dabei offenbar gern ins Wirtshaus. Vielleicht mangels größerer Gemälde konzentriert sich die Schau auf den geselligen Aspekt der Künstlerexistenz. „Anti-Musikverein“ hieß Achenbachs Stammtisch, dessen rheinische Fröhlichkeit umfassend dokumentiert wird. Das geschieht dann gern auch mittels Faksimilies, die als solche nicht benannt werden. Einen Besuch ist das Haus, gleich neben den weitaus prominenteren Kunsthalle und Museum Burda gelegen, so oder so wert.
www.museum.la8.de


Kunst & Glaube. Ottheinrichs Prachtbibel und die Schlosskapelle Neuburg, Schloss Neuburg/Donau

Glaubt man der Nachrede, dann war der Pfalzgraf Ottheinrich von einer Statur, wie man sie vornehmlich von gewissen mit Hamburgern gemästeten Amerikanern kennt. Für Ottheinrichs Zeit, dem 16. Jahrhundert, geht eine solche Erscheinung noch als Renaissancetypik, als Machiavellismus aus lauter Pracht & Prächigkeit durch, eine Götz von Berlichingen-Lebensart mit dem Unterschied, dass der Wittelsbacher tatsächlich auch was von Kultur verstand. So sammelte er Bücher, vor allem auch solche, die von der neuen Technik, dem Druck, verschont waren. Er sammelte Handschriften, mit dem Augenmerk auf der Illuminierung. Die Ottheinrichs-Bibel verbindet sich aufs Innigste mit ihm, und die steht, auseinander genommen und mit exemplarischen Pergamenten vorgeführt, im Mittelpunkt einer Ausstellung in Schloss Neuburg an der Donau. Die Residenz ist das architektonische Vermächtnis des Wittelsbachers, der einer Nebenlinie des bayerischen Herrscherhauses entstammte, in Neuburg in splendider Isolation existierte, bis er kurz vor seinem Tod 1559 doch noch in Heidelberg als Herrscher der Pfalz installiert wurde. Da aber machte ihm seine Leibesfülle schon schwer zu schaffen.


Schloss Neuburg an der Donau, Blick in die Ausstellung »Kunst & Glaube. Ottheinrichs Prachtbibel und die Schlosskapelle Neuburg«, Foto: © Bayerische Schlösserverwaltung

Die Schau ist bis dato meine Ausstellung des Jahres. Zum einen durch den Ortsbezug: Bibel und Schloss sind aufs Engste miteinander verquickt, und die Kapelle, 1543 ausgestattet mit dem frühesten Freskenzyklus aus dem Geist des Protestantismus, spiegelt dann das Gesamtprogramm aristokratischer Selbstdarstellung wider. Zum zweiten durch die vielerlei Vergleiche, die die aufmerksam aufeinander abgestimmten Exponate gestatten: Ottheinrichs Bibel lädt von vornherein dazu ein, stammt doch ein kleinerer Teil ihrer Illustrationen aus der Zeit um 1430, während ein Jahrhundert später dann, von der Hand Mathis Gerungs, der namengebende Rest hinzukam, eingefügt in leere Stellen zwischen den heiligen Texten. Zum dritten durch die schlichte Qualität des Gezeigten, dargeboten in Vitrinen, die einem genauen Hinschauen nichts in den Weg legen. Viel los ist auch nicht in den Räumen: Perfekte zwei Stunden.
www.ausstellung-neuburg.de


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