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Werner Fenz 1944 - 2016

Das Verstehen von Kunst ist ein Sich-Annähern, das durch die Augen geht. Es ist eine Form, in der sich eine Sicht, er hätte gesagt, eine Haltung, vermittelt. Die Fragen, die sie aufwirft, werden nicht immer behaglich sein. Werner Fenz ist Didaktiker, geprägt durch die Schillerschen Ideale ästhetischer Erziehung. Vermittlung ist ihm einer der wichtigsten Begriffe. Oft stellt er Fragen, er stellt sie in den Raum, wartet bis an die Grenzen der Spannkraft. Niemals wird er der Versuchung unterliegen, sie aus besserem Wissen frühzeitig oder unbedacht zu erledigen. Mit erstaunlicher Geduld folgt er einem selbst gestellten pädagogischen Imperativ. Kunst betrifft jeden, jeden für sich und seine/ihre Verantwortung in der Gemeinschaft. Kunst formuliert für den Grazer Kunsthistoriker ein Anliegen, sie wird zur Aufgabe und Auflage. Sie fordert Anschauung, Augenarbeit und eine Haltung, die sich nicht im Vergnügen vergisst, sondern ernsthafte und aktuelle Probleme identifiziert. Gegenwärtige Kunst ist Auftrag zum Umdenken und Anlass zur Selbstprüfung, vor allem in politischer Hinsicht. Die bekannteste Ausstellung, die Werner Fenz kuratiert, heißt “Bezugspunkte 38/88”. Es ist eine Ausstellung im öffentlichen Raum. Problematisiert wird die Erinnerung, die verschwiegene, die unbequeme, die uneingestandene. Was es zu sehen und zu hören gibt, ist dementsprechend irritierend. Gespenstische Nebelhörner tönen vom Schlossberg, Jochen Gerz dreht ein Bild eines Buben, die slowenische Künstlergruppe Irwin setzt ein goldenschwarzes Kreuz vor die Fassade der Universität, seine Universität. Hans Haacke stellt eine blutrote Pyramide in die Prachtstraße der Grazer Altstadt. Es ist eine Nachbearbeitung der Jubelstele, die die Nazis zum Anschluss Österreichs in der so genannten Stadt der Volkserhebung errichten lassen. Das Werk Haackes ist ein mahnendes Re-enactment 50 Jahre danach, freilich unter Umkehrung des zynischen Titels Ihr habt doch gesiegt. Die Säule wird während der Ausstellung im Herbst 1988 durch einen Anschlag zerstört. Sie geht in Flammen auf, mit ihr die darunter befindliche barocke Marienstatue. “Welchen Beitrag kann Kunst zur Vergangenheitsbewältigung leisten?” Das ist eine solche Frage. Sie steht in der Presseaussendung dieser Ausstellung, die das Bedenken Österreichs einleitet und zu einem Wendepunkt seiner Kunstgeschichte wird. Es geht Werner Fenz, damals Kurator der Neuen Galerie am Landesmuseum Joanneum, die er später für drei Jahre leiten wird, um die neuralgischen Punkte. Es sind jene Punkte, an denen sich Geschichten und Geschichte konkretisieren, und sich das kollektive Gedächtnis zur Kenntlichkeit entstellt. Die neuralgischen Punkte gibt es in der Stadt, besonders im öffentlichen Raum, im gesellschaftlichen Gewebe, in der Fotografie, aber auch in jedem von uns. Kunst ist eine Art der rettenden Kritik, die sich dialektisch zum Gefälligen und den konsensfähigen Narrativen bewegt. Sie reißt verschweißte Wunden auf und wird so zu Medium erster Diagnose. Sie ist kein Heilmittel, sondern Antithese, eine unbehagliche Immunitätsverletzung, die uns empfänglich macht für Selbstrevision und Blickumkehr. Werner Fenz war hervorragender Lehrer, gewissenhafter Denker, widerständiger und mutiger Ausstellungsmacher. Er verstarb am Freitag, dem 24. Juni 2016, in seiner Heimatstadt. Ich werde seinen Blick, sein Bedenken, seine Fragen oft erinnern und noch öfter vermissen.

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