Unfinished

Rainer Metzger, 28.06.16

Seit diesem Jahr hat das Metropolitan Museum in New York eine weltberühmte Dependance. Man hat den Altbau des Whitney übernommen, eine Avenue weiter östlich und sieben Straßen weiter südlich gelegen. Marcel Breuers Betonblock dient jetzt als reiner Austellungsbau. In diesem Sinn holt man für die Eröffnungsschau weit aus und fragt nach der Rolle des Unvollendeten in der bildnerischen Produktion. Vom 15. Jahrhundert bis heute spannt sich der Bogen, und die Offenheit der Problematik geht einher mit einer bemerkenswerten Schließung, die man im Diskurs der Gegenwart so nicht mehr erwartet hätte: Die Exponate sind ausschließlich von jener Provenienz, die man einst das Abendland nannte und mittlerweile eher als Leitfaden imperialistischer Irrwege versteht.

Gleichwie. Donatello, Leonardo, Michelangelo heißen die Großmeister, die dafür bürgen, dass Dinge bisweilen so aussehen, als wären ihre Produzenten mit ihnen nicht fertig geworden. Das kann man daran erkennen, dass die Leinwand in gewichtigen Teilen nackt geblieben ist, dass der Tiefenzug im Hellen des Papiers versandet oder die Figur kaum aus dem Stein herausblickt, aus dem sie der Welt entgegenruft. Speziell Michelangelo hat sich im Lauf seiner Karriere hemmungslos verzettelt, viel zu viel ließ er sich aufhalsen und es dann mit einem Zustand bewenden, den man Non-Finito nennt. In einem seiner Sonette hat er treffend beschrieben, wie der beste Künstler aus dem Marmor nicht herausholen könne, was in ihm nicht ohnedies vorhanden wäre. Es genügte fürs Werk auch die Andeutung, denn die Materie, das Material und die Materialisierung gehen ineinander über. Buchstäblich steinreich ist er gestorben, und wenn er nicht zurande gekommen war in seinem Oeuvre, konnte man es als Konzept verbuchen.

Die Moderne hat aus dem Non- ein In-Finito gemacht und daraus die prinzipielle Unmöglichkeit abgeleitet, dem Konstrukt Kunstwerk eine definitive Wendung zu geben. Rodin, Monet, Cézanne sind die Großmeister eines solchen L'art pour l'art, das auf das Fragment setzt, auf die Annäherung und die Serialisierung, auf das Unfertige als Prinzip. „Du musst dein Leben ändern“ las Rilke aus dem Torso vom Belvedere heraus, las in ihn hinein, und was sind schon Formen gegen den existenziellen Appell. Alles irgendwie in Angriff Genommene gerann so zu Statements. Zu Projekten: Friedrich Schlegel nannte sie „Fragmente aus der Zukunft“.

Näher an der Gegenwart hat man derlei Hochmögendheiten dann doch wieder tiefer gehängt. So sind Sol Lewitts „Incomplete Open Cubes“ in der Schau gelandet, nicht weniger als 144 ziseliert aufgereihte Belege dafür, wie man einen Würfel mittels Seitenkanten vor Augen stellt, ohne dabei die vollständige Version vorzuführen. Bei gutem Willen kann man das witzig finden, Rosalind Krauss hat es in einem bitterbösen Text pathologisch genannt. Auch Roman Opalka ist vertreten: Dessen 1965 begonnene Zahlenbilder addieren sich ins Unendliche fort – und ins Definitive, denn die Schüttelreime aus zehn Ziffern enden mit dem Ableben ihres Dichters. Endlich ist zwischen Vollendung und Unvollendung kein Unterschied mehr.


Tizian, Die Häutung des Marsyas, ca. 1570-76, Kromeriz (Tschechien), Erzbischöfliche Gemäldegalerie in Schloss Kremsier

All das gibt es im Met-Breuer. Das meiste an Exponaten hat man von einigen Häuserblocks weiter geholt. Doch auch Leihgaben sind darunter. Die prominenteste und zum Plakatsujet erhobene ist von Tizians zitternd gewordener Meisterhand, ein grimmiges Spätwerk, das zeigt, wie Apoll den Satyr Marsyas quält. Der Kulturgott und der Waldschrat befinden sich auf Augenhöhe: Bis heute ist man sich nicht einig, welche der in groben Pinselzügen hingewischten Figuren überhaupt den Lichtbringer darstellen soll. Ars Longa Vita Brevis: Das Bild befindet sich im tschechischen Kremsier und sein Besitzer, der Erzbischof von Olmütz, bestückt mit ihm seit einiger Zeit Blockbuster-Schauen. Abwarten, wie lange es noch existiert.

www.metmuseum.org

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