Feste feiern

Rainer Metzger, 29.05.16



Die Leute gehen ins Kunsthistorische Museum, weil es sich gehört, aus keinem anderen Grund, sie reisen sogar aus Spanien und Portugal nach Wien und gehen ins Kunsthistorische Museum, um zu Hause in Spanien und Portugal sagen zu können, daß sie im Kunsthistorischen Museum gewesen sind, was doch lächerlich ist, denn das Kunsthistorische Museum ist nicht der Prado und es ist auch nicht das Museum in Lissabon, davon ist das Kunsthistorische Museum weit entfernt.

Das Kunsthistorische Museum mag jetzt tatsächlich nicht beim Prado mithalten können. Aber das kann außer der National Gallery in London, vielleicht, ohnedies keine Pinakothek. Bedenkt man nun die übrigen Schätze mit, die Archäologie, die Kunstkammer, die ägyptische Abteilung, dann ist es aber nur der Louvre, vielleicht, der ihm gleichkommt. Wie auch immer, das Haus am Ring ist am 17. Oktober 1891 eröffnet worden, was jetzt nicht unbedingt monumentale 125 Jahre ergibt, doch zusammen mit diversen Umständen, die sich in letzter Zeit ergeben haben, ist das allemal ein Grund, feste zu feiern. Und sich eine Ausstellung zu geben, in der man vorführt, wie es andere Epochen vermochten, Feste zu feiern. Vor allem die barocke Epoche.

Nun ja, die Habsburger haben genau den dubiosen katholischen Geschmack, der in diesem Museum zu Hause ist. Das Kunsthistorische Museum ist genau der dubiose habsburgische Kunstgeschmack, der schöngeistige, widerliche.

Tatsächlich ist die Jubiläumsschau beflissen auf die habsburgischen Verhältnisse angelegt. Die Präsentation lässt Revue passieren, wie die Herrschaften mit der vorstehenden Kinnpartie Turniere ausfochten und im Kutschenkonvoi in Städte einzogen, wie sie Krönungen begingen und Feuerwerke entfachten, und wie der Orden der Ritter vom Goldenen Vlies ein Bankett abhielt: Das Dokument dafür ist vielleicht das Hauptstück, ein 1527 in Mecheln hergestelltes Tafeltuch in feinstem Leinendamast von einer Länge von fast 18 Metern. All das ist deutlich österreichisch-spanisch-flandrischer Provenienz. Das Kunsthistorische Museum hat, wenn es denn etwas zu bekritteln gäbe, insgesamt eine etwas einseitige Ausrichtung auf Exponate aus den ehedem habsburgischen Herrschaftsgebieten. Französisches oder Englisches ist eher Mangelware. So auch jetzt bei „Feste feiern“.

Das Kunsthistorische Museum hat nicht einmal einen Goya, nicht einmal einen El Greco hat es. Natürlich kann es auf den El Greco verzichten, denn El Greco ist kein wirklich großer, kein allererster Maler, sagte Reger, aber keinen Goya zu haben ist für ein Museum wie das Kunsthistorische Museum geradezu tödlich. Keinen Goya, sagte er, das sieht den Habsburgern ähnlich, die ja, wie Sie wissen, keinen Kunstverstand haben, ein Gehör vielleicht für Musik, ja, aber keinen Kunstverstand. Beethoven haben sie gehört, aber Goya haben sie nicht gesehen. Goya wollten sie nicht haben.

So ziert jetzt, als räumlicher, konzeptueller und chronologischer Abschluss, ein Goya die Veranstaltung. „Das Blindekuhspiel“ stammt aus der Zeit, da der Meister seine Pflichten als Hofkünstler noch für bare Münze nahm und Entwürfe tätigte, die das königliche Heim schöner machen sollten. Das Großformat ist als Tapisserie-Entwurf gedacht, die Figurengestaltung ist eher grobmotorisch, die Detailarbeit eher nonchalant. Doch ein wenig blickt aus den kursorisch gehaltenen Antlitzen schon die schwarze Romantik. Goya eben. Und mit ihm die Moderne. In ihr ist es dann vorbei mit der Süße des Lebens.


Mit Dank an Thomas Bernhard, Alte Meister. Die Zitate nach der Taschenbuch-Ausgabe Frankfurt 1988, S. 31 und 32.

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