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Einbruchstelle

Am Mittwoch wurde zum zweiten Mal in kurzer Zeit von einer Gruppierung, die sich „Identitäre“ nennt, eine Aufführung eines vom Burgtheater verantworteten Stücks, über dessen kulturelle Bedeutung kein Wort zu verlieren ist, gestört. Über die Typen, die die Intervention verantworten, wäre seinerseits kein Wort zu verlieren, auch wenn dieses Beschweigen, anders als beim Burgtheater, ausschließlich der Peinlichkeit geschuldet ist. Leider sind in Österreich Dinge vorgefallen, die es deutlich geraten lassen, daran zu erinnern, was Rechtsradikale angerichtet werden haben können. Bevor es so in den Wind gesprochen sein wird wie die Zeilen, die im folgenden zitiert werden, sei noch an ein paar Sätze von Carl von Ossietzky erinnert. Sie stammen aus den Wochen Ende 1930, als die Nazis die Premiere von „All Quiet On The Western Front“, Lewis Milestones' filmische Adaption von Remarques Antikriegs-Klassiker „Im Westen Nichts Neues“, in Berlin hatten auffliegen lassen.


Das Banner der Identitären auf dem Burgtheater

In vorauseilendem, der momentanen regierungsgsamtlichen Praxis, sich von den FPÖ-Funktionären vor sich her treiben zu lassen, durchaus vergleichbarem Gehorsam hatte die Politik damals den Film dann auch gleich auf den Index gesetzt. Ossietzky hat diesen gelinden Skandal – und vor allem auch die politischen Umtriebe, die ihn bewirkten – in seinem Organ, der „Weltbühne“, 1905 gegründet, 1927 von ihm übernommen, als solchen benannt. Die Nazis haben Ossietzky, sobald sie seiner habhaft werden konnten, das Übliche angedeihen lassen, er starb 1938 an den Folgen seines KZ-Aufenthalts. 1936 hatte er den Friedens-Nobelpreis erhalten. Es ist erschütternd, dem folgenden Text anzulesen, wie einer der überzeugtesten Pazifisten gegen die Nazis nichts anderes als die Logik des stärkeren Zuschlagens einfordert. Womöglich werden diese Zeilen irgendwann wieder ihre Aktualität entfalten.

Hier also Carl von Ossietzky in der „Weltbühne“ vom 16. Dezember 1930; die Nazis hatten in der Reichstagswahl vom 14. September 1930 18 Prozent der Stimmen erhalten. Man hätte schier meinen können, das wäre nicht soviel.

Nicht ohne Genugtuung schreiben republikanische Blätter, es hätten doch nur an die zweitausend dumme Jungen auf der Straße Krach gemacht, die Vernünftigen wären dagegen zu Haus geblieben. Der Teufel hole diese Vernünftigen! Hätten sie nicht vorm Ofen gehockt, dann wären diese Forumszenen am Nollendorfplatz und Am Knie nicht möglich gewesen. ...Noch immer ist Berlin rot und republikanisch. Aber wo steckte das Reichsbanner? Wo die jungen Sozialisten? Wo die Kommunisten? Die Herrschaften sind doch sonst, wenn es sich um Auseinandersetzungen mit verwandten Fakultäten handelt, schnell zur Hand. Aber hier kam es wirklich darauf an, eine Einbruchstelle gegen den Fascismus zu verteidigen, der keinen von ihnen schonen wird, keinen. Hier wären endlich einmal die in tausend Kleingefechten geübten unschönen Künste mit Nutzen angewandt worden, aber da zogen es auch die verdientesten Veteranen der Straßenschlägereien vor, zu Haus zu bleiben, vernünftig zu sein.

So hat sich also wieder ein echtes republikanisches Drama entwickelt: ein Staat, der sich selbst verläßt und denen, die ihn verteidigen wollen, den Arm lähmt durch das Bild seiner Jämmerlichkeit. Der Fascismus hat seinen ersten großen Sieg nach dem 14. September errungen. Heute hat er einen Film erlegt, morgen wirds etwas Andres sein... Wenn die Konsuln schlafen, muß das Volk zur Selbsthilfe greifen. Die liberale Feigheit, die sich selbst für Vernunft halten möchte, hat ausgelitten. Der Fascismus ist nur auf der Straße zu schlagen. Gegen die nationalsozialistische Gesindelpartei gibt es nur die Logik des dickern Knüppels, zu ihrer Zähmung nur eine Pädagogik: A un corsaire – corsaire et demi!


Tragen wir es im Herzen: Heute wurde ein Theaterstück erlegt, morgen wirds etwas Anderes sein. Bei den Reichspräsidentenwahlen 1932 wird es für Adolf Hitler dann 30,1 Prozent der Stimmen im ersten Durchgang geben. Man hätte schier meinen können, das wäre nicht soviel.

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